Hochschule will Zwickaus City mehr junges Leben einhauchen

Knapp zehn Monate nach der Premiere haben die Tageszeitung „Freie Presse“ und die Stadtverwaltung Zwickau ein zweites „City-Forum“ organisiert. Rund 130 Gäste fanden sich am 8. September in der Aula der Westsächsischen Hochschule ein, um sich über die Visionen für eine lebenswerte Innenstadt und Außenwirkung Zwickaus zu informieren, Ideen auszutauschen und Denkanstöße zu geben. Redner des Abends waren Oberbürgermeisterin Pia Findeiß, Stadtmarketing-Experte Karl-Heinz König, Zwickaus Hochschulkanzler Ralf Steiner und Jens Preißler, Center-Manager der Zwickau-Arcaden. ZWICKAUTOPIA fasst die wesentlichen Inhalte der Veranstaltung zusammen.

Den interessantesten und konkretesten Beitrag der Veranstaltung lieferte Ralf Steiner von der Westsächsischen Hochschule (WHZ). Der Kanzler legte dar, wie sich die Peter-Breuer-Straße bis zum Jahr 2025 schrittweise in eine „Straße der Wissenschaften“ wandeln soll.

  • Hinter der denkmalgeschützten Fassade der ehemaligen Druckerei Förster & Borries wird ein Hochtechnologiezentrum entstehen. In die grundhafte Umgestaltung sollen die angrenzenden Gebäude Georgius-Agricola-Bau (WHZ-Hauptgebäude) und Grünhainer Kapelle (WHZ-Aula) einbezogen werden, damit neue funktionale Verbindungen entstehen – zum Beispiel durch Verkettung der Innenhöfe und Schaffung einer „Agricola-Passage“.
  • Am Knotenpunkt Dr.-Friedrichs-Ring/Äußere Schneeberger Straße plant die Hochschule nach Abriss eines Gebäudes den Neubau eines Technikums. Es soll einmal Nutzungsbereiche für die Fakultät Automobil- und Maschinenbau und Teile der Fakultät Physikalische Technik/Informatik enthalten. Auch die derzeit noch in Reichenbach im Vogtland beheimatete Textil- und Ledertechnik soll hier einziehen. Der Siegerentwurf sieht ein 26 Meter hohes, stadtbildprägendes Gebäude mit einer 36 mal 36 Meter großen Grundfläche vor. Die Fassade ist als Textilgeflecht gestaltet. Ob sie tatsächlich so gestaltet wird, ist offen.
  • Das in der DDR errichtete Technikum II am Kornmarkt (Jacob-Leupold-Bau) soll ebenfalls abgerissen und durch einen Hörsaal- und Mensakomplex ersetzt werden.

Die Planung und Koordination dieser Bauprojekte liegt in den Händen des Sächsischen Immobilien- und Baumanagements (SIB). Der neue Innenstadtcampus soll die Wahrnehmung der WHZ (4.700 Studenten) im Stadtbild verbessern und die City beleben. „Die Hochschule ist aktuell zu sehr separiert“, befand auch das Stadtoberhaupt. Zudem erhofft sich die WHZ nach Vollendung aller Vorhaben mehr Strahlkraft, denn laut Ralf Steiner sei ihre bisherige Regionalität durchaus ein Problem bei der Studenten-Akquise. Ausdrücklich wies er darauf hin, dass der neue City-Campus den Campus auf dem Scheffelberg im Stadtteil Eckersbach nicht ersetzen wird.

„Erlebnis Stadt – Der inszenierte Ort“ hieß der Vortrag von Karl-Heinz König, ehemaliger Geschäftsführer der städtischen Essen Marketing GmbH und aktuell Leiter Business-Development der MK Illumination Handels GmbH in Innsbruck. Er präsentierte nachahmenswerte Belebungskonzepte aus europäischen Groß- und Kleinstädten: Lichtinszenierungen in all ihrer Vielfalt, ausgefallene Stadtmöblierungen, eine Eisbahn wie auf dem Kennedyplatz in Essen, Gastronomie am Fluss wie in Siegen und Grünflächen, die erlebbar gemacht werden. Er sprach sich für eine gesunde Mischung von Filialisten und lokalen Fachhändlern aus und stellte fest: „Der Leerstand ist kein rein Zwickauer oder sächsisches Problem.“  Dazu benannte er eine unbequeme Wahrheit: „Ich habe erhebliche Zweifel, dass die Hauptstraße jemals wieder eine 1a-Handelslage wird – höchstens punktuell.“ Der Schlüssel seien die ehemaligen Kaufhäuser Joh und Schocken, für deren Wiederbelebung man laut OB Pia Findeiß einen langen Atem benötige. Nach dem Wöhrl-Rückzug im Frühjahr steht inzwischen bereits die dritte Kaufhausimmobilie leer.

Ihren ersten großen öffentlichen Auftritt hatte Zwickaus Stadtmanagerin Anne Klüglich. Sie trat ihr Amt am 1. August an und wurde damit Nachfolgerin von Klaus Kaufmann, der die neu geschaffene Stelle erst Anfang Mai 2016 übernommen hatte. Die Trennung von ihm erfolgte noch vor Ablauf der Probezeit „aufgrund unterschiedlicher Auffassungen zu Arbeitsweise und -inhalten“, teilte das Rathaus mit. Klüglich, gebürtige Zwickauerin und ausgebildete Veranstaltungskauffrau, wohnt selbst in der Innenstadt und hat ihr Büro in der Marienstraße 5. Organisatorisch ist die zunächst auf zwei Jahre befristete Stelle bei der städtischen Wirtschaftsförderung angesiedelt. Die City-Managerin hat laut Stadtverwaltung „insbesondere die Aufgabe, Projekte zur Belebung und Attraktivitätssteigerung der Innenstadt zu initiieren und umzusetzen, Angebote zu koordinieren, an Marketingaktionen mitzuwirken sowie in Arbeitsgruppen mitzuarbeiten bzw. diese zu leiten. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Innenstadtakteuren und dem Förderverein Stadtmanagement.“

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(Bildrechte: zwickautopia.de)

Befragt nach ihren Vorhaben, verwies Anne Klüglich auf den 2016 durchgeführten Wettbewerb „Stadtbildaufwertung – Stadt gemeinsam gestalten“, dessen Konzepte es nun zu prüfen und möglichst umzusetzen gelte. Die Idee dazu kam vom Zwickauer Knut Thiele, der einen entsprechenden Vorschlag für den Bürgerhaushalt eingereicht hatte und die Zustimmung des Stadtrates fand. Fast 40 Personen, Vereine und Firmen – unter ihnen auch Nicht-Zwickauer – beteiligten sich mit mehr als der doppelten Anzahl von Vorschlägen. Das Datei-Volumen der eingesandten Ideen erreichte den Terrabyte-Bereich, sagte Jens Raußer, Leiter des Stadtplanungsamtes, beim City-Forum. Der mit 1.200 Euro dotierte erste Preis ging an ein Konzept zur Belebung des Schwanenteichparkes mit Hörspiel- und Kinosommer, öffentlichem Bücherregal, Gastronomie und einer Badestelle. Im Fokus des zweitplatzierten Konzepts stehen kurzfristig umsetzbare Maßnahmen für die nördliche Hauptstraße an der Einmündung in den Schumannplatz. Der Ideengeber schlägt u.a. die Verlegung der Straßenbahnhaltestelle „Alter Steinweg“, der Tourist-Information und des Fanshops vom FSV Zwickau dorthin vor. Vom drittplatzierten Konzept zeigte sich Pia Findeiß beim City-Forum begeistert: ein mobiler Spätverkauf („Späti“) für Jugendliche als Anlaufpunkt für die Abendgestaltung. Mit Blick auf den sechsten Platz – Klaviere im Stadtzentrum, für jedermann bespielbar – sagte Sven Frommhold, Regionalleiter der „Freien Presse“ augenzwinkernd: „Stadtbelebung muss man auch aushalten.“ Er höre schon die ersten genervten Bewohner am Lesertelefon.

Die Diskussion streifte moderne Konzepte wie Coworking und Urban Gardening. Der Arcaden-Manager Jens Preißler stellte für das Frühjahr 2017 die Premiere von „Zwickau blüht auf“ in Aussicht – eine rund zweiwöchige Freiluftaktion mit Kräuter- und Pflanzenmarkt, Street Food und hübsch begrünten, noch zu definierenden Flächen. OB Findeiß („Wir sind eine lebendige Stadt!“) sprach sich dafür aus, Veranstaltungen wie die Kunst- und Kulturmeile auf der Hauptstraße oder das Straßenfest „EigenART“ von und für Menschen mit Behinderung terminlich zusammenzulegen, damit diese insgesamt mehr Anziehungskraft bekommen. Außerdem betonte sie, dass die Verwaltung in verschiedenen Belangen nur einen Rahmen setzen könne, den engagierte Bürger mit Leben füllen müssten. Constanze Arndt, Vorsitzende des Fördervereins Stadtmanagement Zwickau, argumentierte ähnlich wie die Oberbürgermeisterin und Journalist Frommhold: Mitmachen, weniger meckern und manchmal eben einfach etwas aushalten – nur so könne Stadtbelebung funktionieren. Grundsätzlich stellte Frau Arndt fest: Obwohl sie aus Dresden stamme und ein gewisses Stadtbild und -leben gewohnt sei, vermisse sie in Zwickau nichts: „Ich habe hier alles zum Leben.“

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