Auf den Spuren großer Zwickauer in Wien und Amsterdam

Meine beiden letzten Recherchereisen für die Serie „Auf Zwickauer Spuren“ in der Tageszeitung „Freie Presse“ führten mich in zwei europäische Hauptstädte. Wien  wurde zur Schicksalsstadt für den Zwickauer Fußball und Künstler aus der Muldestadt. Dort habe ich mich auf die Spuren der Kicker des Planitzer SC, von Jürgen Croy, Gert Fröbe, Robert und Clara Schumann begeben. Das rastlose Musikerpaar gastierte auch in Amsterdam. Ihre dortige Wirkungsstätte ist ein beliebtes Fotomotiv.

In der Saison 1941/42 nahm der Sachsenmeister Planitzer SC, Vorläufer des FSV Zwickau, an der gesamtdeutschen Meisterschaftsendrunde teil. Die Qualifikation für das Achtelfinale überstand Planitz durch einen 5:2-Heimsieg gegen Luftwaffen-SV Boelcke Krakau (Meister der Sportbereichsklasse Generalgouvernement) auf der Westsachsenkampfbahn. In der Runde der letzten 16 schalteten die Rand-Zwickauer wieder vor heimischem Publikum die Breslauer SpVgg 02 (Meister der Sportbereichsklasse Niederschlesien) mit 2:1 nach Verlängerung aus.

Am 7. Juni 1942 endete der Planitzer Siegeszug in Wien: Vor 25.000 Zuschauern im Praterstadion (seit 1993 Ernst-Happel-Stadion) verloren die Westsachsen gegen den First Vienna FC 1894 (Meister der Sportbereichsklasse Donau-Alpenland) nach 2:0-Führung noch mit 2:3. Viele der damaligen Spieler arbeiteten bei der Auto Union AG und im Reichsbahnausbesserungswerk Zwickau. „Der größte Teil der Mannschaft kam von der Nachtschicht und setzte sich anschließend in den Zug nach Wien“, berichtet Norbert Peschke in seinem Buch „100 Jahre Fußball in der Zwickauer Region“. Wien drang schließlich bis ins Finale vor und verlor im Berliner Olympiastadion gegen Schalke 04.

In der Qualifikation für die Fußball-WM 1978 begegneten sich Österreich und die DDR in der Gruppe 3. Die Spiele im Wiener Praterstadion (72.000 Zuschauer) und Leipziger Zentralstadion (95.000 Zuschauer) endeten jeweils 1:1 – zu wenig für Nationaltorwart Jürgen Croy von der BSG Sachsenring Zwickau und seine Mitspieler. Nur der Gruppenerste Österreich qualifizierte sich für die Weltmeisterschaft in Mexiko und schrieb dort mit der „Schmach von Córdoba“ (3:2-Sieg gegen die BRD) Fußballgeschichte.

Die in Zwickau aufgewachsene Theaterreformerin Friederike Caroline Neuber (1697-1760) versuchte erfolglos, im Wiener Theater am Kärntnertor (Vorgängerbau der Staatsoper) Fuß zu fassen. Trotz Rückschlägen wie diesem ebnete die „Mutter des deutschen Schauspiels“ den Weg für spätere Schauspielergenerationen. In ihre Fußstapfen traten die gebürtigen Zwickauerinnen Auguste Wilbrandt-Baudius (1843-1937) und Teresa Weißbach (geboren 1981). Beide waren am Wiener Burgtheater fest engagiert.

Auch Gert Fröbe (1913-1988) war an der Donau das Glück hold. 1939 verpflichtete das Deutsche Volkstheater den Zwickauer. „Ein Engagement nach Wien, das war für einen jungen Schauspieler kein Schritt, sondern ein Panthersprung nach vorn“, schreibt er in seiner Autobiografie und fügt hinzu: „Außerdem gab es 750 Mark im Monat.“

Sein Engagement begann am 1. September, dem Tag des Kriegsausbruchs. Tagsüber leistete Fröbe Sanitätsdienst im „Krankenhaus der barmherzigen Brüder“, das zu einem Wehrmachtslazarett umfunktioniert worden war. Abends stand der Westsachse auf der Bühne. An der Seite von „Schönling“ O. W. Fischer spielte er in den Stücken „Trenck, der Pandur“ von O. E. Groh und „Zu ebener Erde und erster Stock“ von Johann Nestroy. Mit Curd Jürgens traf er sich zum Schachspielen im „Café Raimund“ gegenüber vom Theater.

Gert Fröbe bezog mit seiner ersten Frau Cläre Peters eine möblierte Atelierwohnung in der Stiftgasse. Als Israel seinen späteren Welterfolg „Goldfinger“ und weitere Fröbe-Filme auf den Index setzte, weil er bis 1937 der NSDAP angehörte, meldete sich die jüdische Wiener Familie Blumenau zu Wort. Sie erklärte, dass der Deutsche ihr Unterschlupf in seiner Wohnung geboten und mit Lebensmittelkarten geholfen habe. Daraufhin gab Israel die Filme wieder frei.

In seiner Wiener Zeit knüpfte Gert Fröbe erste Kontakte zum Film und ergatterte eine begehrte Minirolle im Streifen „Der Kreuzlschreiber“ (1944). Er habe nicht mehr zu tun gehabt, „als mit einem Schlapphut als depperter Bauernbursch durchs Bild zu laufen“, erinnert er sich im Buch. Die Außenaufnahmen fanden am Großglockner statt. Die Dreharbeiten wurden mit allen Mitteln der Kunst gestreckt, denn die Mitwirkung an einem Film zögerte die Einberufung zum Kriegsdienst hinaus.

Wien war auch eine biografische Station der unermüdlichen Schumanns. Eine steinerne Gedenkplatte am Gebäude Schönlaterngasse 7a, fünf Gehminuten von Stephansdom entfernt, verrät: „In diesem Hause wohnte Robert Schumann vom Oktober 1838 bis April 1839. Dem Tondichter der Romantik anlässlich der hundertsten Wiederkehr des Sterbetages am 29. Juli 1956 gewidmet von der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien“. Ein vogelartiges, steinernes Fabelwesen an der Fassade des Nachbargebäudes erinnert an einen Basilisken, der im 13. Jahrhundert im Brunnen des Hinterhofes gehaust und unter den Menschen Angst und Schrecken verbreitet haben soll.

Eine Schumanngasse zieht sich auf 1,5 Kilometern Länge durch Währing, den 18. Wiener Gemeindebezirk. Unter dem Straßenschild wurde eine kleine Infotafel angebracht: „Robert Schumann (1810-1856) – Führender Tonkünstler der musikalischen Romantik“.

Auf der 2001/02 angelegten Meile der Klassischen Musik – vergleichbar mit dem Walk of Fame in Hollywood – erhielten Robert und Clara Schumann jeweils einen Stern mit Konterfei, Signatur, Geburts-/Sterbejahr und Geburts-/Sterbeort. Später wurden die abgetretenen Marmorsteine entfernt und eingelagert. Bei meinem ersten Wien-Besuch im Jahr 2002 hatte ich die Sterne zufällig entdeckt und noch analog fotografiert.

Die angebliche Bedingung Friedrich Wiecks, einer Heirat mit seiner Tochter Clara zuzustimmen, wenn beide eine Existenz außerhalb von Leipzig gründeten, führte zu Schumanns Gang nach Wien. Clara Wieck war dort bereits 1837 vom Publikum begeistert aufgenommen worden und spielte Werke ihres künftigen Mannes. Man ernannte sie zur königlich-kaiserlichen Kammervirtuosin.

Diesen Bekanntheitsgrad wollte Robert Schumann nutzen und forcierte den Umzug seiner „Neuen Zeitschrift für Musik“ nach Wien. Das ehrgeizige Vorhaben scheiterte an Intrigen Wiecks und der Wiener Kulturszene, die auf den gebürtigen Zwickauer nicht gewartet hatte. Heutzutage weiß sie ihn sehr wohl zu schätzen: Bei meinem Wien-Besuch entdeckte ich an Litfasssäulen Werbeplakate der „Gesellschaft der Musikfreunde in Wien“, welche drei Konzertabende mit Schumann-Werken innerhalb von nur acht Tagen veranstaltete.

Anfänglich schwärmte Robert Schumann von der Donaumetropole und tauchte in das dortige Kulturleben hinein: „Wien mit all seinen Erinnerungen an die größten deutschen Meister muss der Phantasie des Musikers ein fruchtbares Erdreich sein.“ Schumann besuchte auf dem Währinger Ortsfriedhof die Gräber Beethovens und Schuberts (1888 auf den Zentralfriedhof überführt). Außerdem begegnete er Mozart-Sohn Franz Xaver Wolfgang und Schuberts Bruder Ferdinand. Kompositionen aus diesem Lebensabschnitt sind Schumanns „Faschingsschwank“, „Humoreske“ und „Nachtstücke“.

Zum Jahreswechsel 1846/47 kehrte das seit 1840 verheiratete Ehepaar nach Wien zurück. Mit der „schwedischen Nachtigall“ Jenny Lind gab es ein umjubeltes Konzert. An anderen Tagen spielten die Schumanns vor leeren Reihen, was vermutlich an der allgemein angespannten Stimmungslage wegen der sich anbahnenden Revolution 1848 lag. Niedergeschmettert verließen sie die Stadt. Spätere Konzertreisen Clara Schumanns nach Wien waren wieder von Erfolg gekrönt.

Eine Holland-Tournee mit den Stationen Utrecht, Den Haag, Rotterdam und Amsterdam erwies sich Ende 1853 als Publikumsmagnet. „Es ist sein größter Triumphzug innerhalb seiner gesamten kompositorischen Laufbahn“, stellt Schumann-Biograf Martin Demmler fest. Das Künstlerpaar gastierte zum Beispiel im monumentalen Gebäude „Felix Meritis“ an der Keizersgracht im Herzen Amsterdams. Im Erdgeschoss des Kultur- und Tagungszentrums befindet sich heute ein Café mit freiem Blick auf die Gracht. Nach Roberts Tod 1856 kehrte Clara mehrmals zu Gastspielen nach Holland zurück.

Quellen

– Schumannportal: Robert Schumann in Wien
– Schumannportal: Clara Schumann in Wien
– Schumannportal: Clara Schumann in Amsterdam
– Martin Demmler: „Ich hab im Traum geweinet“. Robert Schumann – eine Biografie.
– Michael Strauven: Jedermanns Lieblingsschurke. Gert Fröbe – eine Biografie.
– Gert Fröbe: Auf ein Neues, sagte er … und dabei fiel ihm das Alte ein. Geschichten aus meinem Leben.

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