Textilruine „Aktivist“ geht es an den Kragen

Nach dem umstrittenen Abriss des Gardinen- und Dekowerkes (Gardeko) an der Werdauer Straße (2011/12) verschwindet derzeit ein weiteres Stück Zwickauer Textilindustriegeschichte aus dem Stadtbild: Dem „Aktivist“ schlägt die letzte Stunde. Für rund 1,2 Millionen Euro lässt die Stadt nach Jahren schwieriger Grundstücksverhandlungen, komplexer Voruntersuchungen und Planungen die Ruine der ehemaligen Strickwarenfabrik im Stadtteil Oberplanitz komplett abreißen. Kontaminierte Bodenbereiche werden beseitigt bzw. saniert. Der einsturzgefährdete Schandfleck inmitten eines Wohngebietes stellte eine Gefahrenquelle für Kinder dar und war dem Vandalismus preisgegeben. 2016 fing der Dachstuhl Feuer. Das Abrissvorhaben wird zu 90 Prozent über das Programm Brachenrevitalisierung durch den Freistaat Sachsen gefördert. Der Eigenanteil der Stadt beläuft sich auf rund 136.500 Euro.

Gegründet wurde die Strickerei im August 1910, damals als Firma „Junghans und Rössel“. Das erste Produktionsgebäude war ein Neubau in der heutigen Uthmannstraße 1. Begonnen wurde mit vier Strickerinnen, zwei Näherinnen und zwei Schuljungen als Handradspuler. Vier Jahre später zählte die Firma bereits 205 Arbeiterinnen und zehn Angestellte. In den 1920er Jahren erfolgten weitere Neubauten.

Im Zuge der Bodenreform 1945 und dem Volksentscheid 1946 wurden die Fabrikgründer vollständig enteignet. Es entstanden zunächst zwei volkseigene Betriebe: der „VEB Vereinigte Planitzer Strickwarenfabrik“, der aus dem Werk Uthmannstraße 1 und dem Werk Hermannstraße 31 gebildet wurde und der „VEB Strickwarenfabrik Rekord“ in der Uthmannstraße 5. Im Februar 1951 wurden beide Betriebe zum „VEB Aktivist Zwickau“ vereint, zu dem später auch Werke in Schneeberg, St. Egidien und Treuen gehörten.

Meine Großmutter arbeitete von 1952 bis 1990 als Zuschneiderin im „Aktivist“ und erinnert sich an zufällige Begegnungen mit dem weltbekannten „Schauspieler“ Gert Fröbe („Goldfinger“) auf dem Weg zur Arbeit. Der gebürtige Planitzer (1913-1988), welcher in Oberbayern lebte, besuchte regelmäßig seine Mutter Alma an der Edisonstraße in Oberplanitz.

1967 zählte das Werk 622 Angestellte und war das zehntgrößte Industrieunternehmen der Stadt. Produziert wurden überwiegend Ober- und Untertrikotagen sowie Badebekleidung für die DDR, das sozialistische Ausland sowie für Versandhäuser und Textilketten in Westdeutschland, welche die qualitativ gute Ware mitunter zu Billigpreisen auf Wühltischen verhökerten. Ab Juli 1990 nannte sich der Betrieb „MICADO Strickwaren GmbH“. Um 2002 ging das Unternehmen in die Insolvenz und 2004 kam das endgültige Aus.

Das imposante Wandbild „Lebensbaum“ des Zwickauer Künstlers Edgar Klier (1926-2015) wird gerettet. Es wurden zwei Firmen beauftragt, das Kunstwerk aus dem Mitte der 1970er Jahre gebauten Speisesaal zu bergen und zu reinigen. Das zwölf Meter lange Mosaik im Stil des sozialistischen Realismus ist großflächig mit Graffiti besprüht, einzelne Fliesen fehlen oder sind schadhaft. Mit der GIIZ (Gesellschaft für Intelligente Infrastruktur Zwickau) hat die Stadt vereinbart, dass das Bild im ehemaligen Erlenbad, dem neuen Firmensitz der GIIZ, wieder angebracht wird („Ubineum“, Uhdestraße 25). Es zeigt Stationen menschlichen Lebens – Kindheit, Liebe, Arbeit, Eltern- und Älterwerden.

Das Aktivist-Areal wird nach Abschluss der Abbrucharbeiten zu einer Grünfläche gestaltet. Vorgesehen ist der Aufbau eines sogenannten Artenersatzturms als Bruthilfe für Vögel. Mittelfristig will die Stadt das Gelände städtebaulich entwickeln.

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