Surfin‘ USA: Auf Zwickauer Spuren in Kalifornien

Die Beach Boys verkörpern den Mythos Kalifornien wie keine andere Band. „California Girls“, „Surfin‘ USA“ und „Good Vibrations“ sind Hits, die das Lebensgefühl einer ganzen Generation widerspiegeln und an Popularität bis heute nichts eingebüßt haben. Während der Europa-Tournee 2017 steht neben Metropolen wie Barcelona, Rom und Zürich auch Zwickau auf dem Terminkalender der Beach Boys. Am 9. Juni gaben die Musiker ein Konzert in der ausverkauften Stadthalle. Bevor die Amerikaner den Weg nach Zwickau gefunden haben, ist ZWICKAUTOPIA nach Kalifornien gereist, um sich dort im Rahmen eines Urlaubs auf die Spuren der Zwickauer „Marken“ Trabant, Silberpfeil, Pechstein und Schocken zu begeben.

„Ugly and cheap“: der Trabant im Automuseum von Los Angeles

Das Petersen Automotive Museum am Wilshire Boulevard in Los Angeles erforscht und präsentiert die Geschichte des Automobils und seine Auswirkungen auf das amerikanische Leben. So steht es im „Mission Statement“ (Leitbild) auf der Museums-Homepage geschrieben. Interessanterweise zählt die Einrichtung auch einen Trabant 601 S de luxe zu ihrem Bestand. Das himmelblaue Kombi-Modell mit Heckscheibenheizung, Nebelscheinwerfer, Radio und verchromten Stoßstangen steht im Fundus („The Vault“) neben Karossen von Filmstars und Politikern, Sportwagen, Tesla-Elektrofahrzeugen und Oldtimern wie dem Round Door Rolls Royce.

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Petersen Automotive Museum, Los Angeles. (Bildrechte: zwickautopia.de)

Nur im Rahmen von speziellen „The Vault“-Touren kann dieser Fahrzeugbestand besichtigt werden. Das Fotografieren ist im Fundus aufgrund der Millionenwerte verboten. Der Trabant – laut Gästeführer Jeff „ugly and cheap“ (hässlich und billig) – fällt hier aus der Reihe. Der Museumsmitarbeiter beschrieb ihn bei seinem unterhaltsamen Rundgang auch als „eines der schlechtesten Automobile weltweit“. Die Duroplast-Karosse solle man lieber nicht berühren – sie sei „toxic“ (giftig), meinte Jeff augenzwinkernd.

Doch wie kam der Trabi nach LA? Der Eigentümer ist niemand Geringeres als der US-Schauspieler Tom Hanks. Während Dreharbeiten in Deutschland besuchte er im Frühjahr 2014 zum wiederholten Male die DDR-Planstadt Eisenhüttenstadt, um sich über die Alltagskultur im Sozialismus zu informieren. In der brandenburgischen Stadt kaufte der Oscar-Preisträger einem Trabant-Besitzer den Wagen ab. Die Märkische Oderzeitung hatte den Leser aus Frankfurt/Oder mit dem Hollywood-Star zusammengebracht. Noch heute ziert der Schriftzug des Lokalblattes die beiden Türen des Museums-Trabis. Tom Hanks unternahm eine Testfahrt durch Eisenhüttenstadt und kündigte an, das Fahrzeug dem Auto-Museum in Los Angeles zur Verfügung zu stellen. An Bord der „Sunrise Ace“ wurde der Oldtimer Ende 2014 von Bremerhaven nach Long Beach verschifft.

Der Eintritt zur „The Vault“-Führung kostete 20 Dollar und musste zusätzlich zum regulären Museumseintritt (15 Dollar) entrichtet werden. Ausreichend Parkplätze standen im angeschlossenen Parkhaus zur Verfügung. Die Parkgebühr betrug pauschal zwölf Dollar.

Gegenwärtig wird die „Purple Line“ der U-Bahn unter dem Wilshire Boulevard bis Beverly Hills verlängert. Künftig werden die Bahnen auch am Petersen Automotive Museum halten, wo einst ein japanisches Kaufhaus untergebracht war. Das Ehepaar Robert E. und Margie Petersen kaufte das Objekt und ließ das Museum einrichten, welches 1994 eröffnete. Die weitgehend fensterlose Struktur bietet ideale Voraussetzungen, um die wertvollen Wagen vor Sonnenlicht geschützt auszustellen. 2015 wurde das Museum für 90 Millionen Dollar umgestaltet und erhielt eine spektakuläre Fassade, die sich aus geschwungenen Edelstahlbändern zusammensetzt. Bei der Preisverleihung „International Historic Motoring Awards“ wurde das Petersen 2016 als „Museum of the Year“ (Museum des Jahres) ausgezeichnet.

Thomas Gottschalks Kino-Flop „Trabbi goes to Hollywood“

Um eine himmelblaue Trabant-Limousine dreht sich die Handlung in der Ende 1991 erschienenen Filmkomödie „Trabbi goes to Hollywood“. Die Story ist schnell erzählt: Der erfolglose Erfinder Gunther Schmidt entwickelt eine – im wahrsten Sinne des Wortes – Rennpappe, die im „Overdrive-Modus“ mittels Rübensaft auf 250 Sachen beschleunigt. Der Entwickler reist nach dem Mauerfall vom fiktiven ostdeutschen Engelsberg, das zu DDR-Zeiten „Karl-Marx-Berg“ hieß, nach Amerika. In Los Angeles möchte er den umweltfreundlichen „Teufel aus Zwickau“ auf einer Erfindermesse präsentieren. Doch der Super-Zweitakter wird geklaut. Der Gauner „Mr. B“ will den Wagen unter der Bezeichnung „MR B-52“ zu Geld machen. Schmidt gerät in Verwicklungen und Turbulenzen – flankiert von einer Liebesgeschichte. Nach einer Verfolgungsjagd stürzt der Trabant in den Hollywood Hills einen Berg hinab und explodiert.

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Der Trabant auf dem Hollywood Boulevard. (Bildrechte: zwickautopia.de)

Mit diesem Klamauk versuchte Hauptdarsteller Thomas Gottschalk auf der Erfolgswelle der Komödie „Go Trabi Go – Die Sachsen kommen“ (1,5 Millionen Kinozuschauer im Jahr 1991) mitzuschwimmen, die bereits Anfang 1991 in den Kinos angelaufen war und Wolfgang Stumph deutschlandweit bekannt machte. Das Vorhaben misslang: der Film fiel bei Publikum (180.000 Kinozuschauer im Jahr 1991) und Kritikern gleichermaßen durch. „Einfallsloser Komödienversuch ohne Rhythmus und Tempo. Ein peinliches Vehikel zur Vermarktung des Entertainers Thomas Gottschalk“, meint das „Lexikon der Internationalen Films“. Das Kinoportal cinema.de urteilt: „Ramschiger Rübenrotz: Thommy go home!“

Die Originalsprache des Films ist Englisch, da es sich um eine US-Produktion handelt. Der Originaltitel lautet „Driving me crazy“ (sinngemäße Übersetzung: „Das macht mich rasend“). Hanebüchen: Die Szenen im vermeintlichen Ostdeutschland wurden in bayerischer Kulisse gedreht: in Kulmbach und Umgebung, woher Thomas Gottschalk stammt. Bei echten Trabi-Fans ist der Streifen vermutlich auch wegen der laut Duden zwar zulässigen, in der Zweitakter-Szene aber ungewöhnlichen Schreibweise „Trabbi“ durchgefallen. Außerdem macht der Film den Wagen mit Bezeichnungen wie „Treibi“, „hässliches Auto“ und „Euro-Müll“ lächerlich. Dagegen stellt der originelle Stumph-Film den Trabant als liebenswertes Kultfahrzeug dar und greift reale Ost-West-Befindlichkeiten auf. Damit trafen der Drehstab und das gute Schauspieler-Ensemble – darunter auch Claudia Schmutzler, Marie Gruber, Ottfried Fischer, Dieter Hildebrandt, Dieter Krebs und Konstantin Wecker – den Nerv des Publikums.

Nach Los Angeles gelangte der Gottschalk-Trabi übrigens nicht per Schiff, sondern auf dem Luftweg. Im Film ist kurz zu sehen, wie der Wagen in ein Flugzeug vom Typ Lockheed Tristar (Variante L-1011-500) der deutschen, heute nicht mehr existenten Fluggesellschaft LTU verladen wird. Der Regisseur Jon Turteltaub drehte später u.a. mit Sandra Bullock den Film „Während du schliefst“ (1995) sowie mit Michael Douglas, Robert De Niro, Morgan Freeman und Kevin Kline den Film „Last Vegas“ (2013). Er führte auch Regie beim Welterfolg „Cool Runnings“ (1993), der die Geschichte der jamaikanischen Bobmannschaft aufgreift, die 1988 bei den Olympischen Winterspielen in Calgary startete.

„Trabbi goes to Hollywood“ ist als DVD erhältlich. Die Drehorte in LA sind überwiegend nicht identifizierbar. Trotzdem zahlte sich die Spurensuche in Hollywood aus, da ich zufällig Tom Cruise begegnete, der im Dolby Theatre am Hollywood Boulevard Promotion für seinen neuen Film „Die Mumie“ machte. Der Versuch, ein Autogramm auf meinem kleinen blauen Modell-Trabi zu ergattern, schlug fehl: Der Weltstar nahm wegen des Gedränges von Kameraleuten und Autogramm- und Selfie-Jägern keine Notiz vom Zwickauer Miniatur-Zweitakter.

Stippvisite in Carmel-by-the-Sea

Die „Silberpfeile“ der sächsischen Auto-Union und von Mercedes Benz dominierten in den 1930er Jahren die internationale Rennszene. Für die Autobauer aus Zwickau ging u.a. die Motorsportlegende Bernd Rosemeyer an den Start. Auf der langen Geraden beim Avus-Rennen 1937 in Berlin soll in seinem Wagen die Tachonadel bei 380 angeschlagen sein. 2009 stand im kalifornischen Städtchen Carmel-by-the-Sea ein sächsischer Silberpfeil vom Typ D aus dem Jahr 1939 mit Doppelkompressor zur Versteigerung. Laut „Spiegel Online“ wollte das Auktionshaus Bonhams bis zu zehn Millionen Dollar für den stromlinienförmigen Aluminium-Flitzer aus Zwickau erlösen.

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Carmel-by-the-Sea – Ansicht. (Bildrechte: zwickautopia.de)

Wie ist dieser Zwickauer Silberpfeil nach Amerika gekommen? Nach dem Krieg wurden die Rennwagen der Auto-Union als Reparationsleistung in die Sowjetunion abtransportiert, wo sich ihre Spuren in dem Riesenreich verloren. Jahrzehnte später machte das amerikanische Ehepaar Paul und Barbara Karassik die Reste von zerlegten Silberpfeilen in Russland und der Ukraine ausfindig. Den Oldtimer-Sammlern gelang es, die Teile in abenteuerlichen Reisen durch den Eisernen Vorhang nach Westeuropa zu bringen. Motoren, Fahrgestelle, Achsen und Getriebe wurden nach Florida ausgeflogen. Anfang der 1990er Jahre restaurierte die englische Firma Crosthwaite & Gardiner zwei Silberpfeile: den Typ D mit Einfachkompressor in der Ausführung von 1938 und den Typ D in der 1939er Version mit Doppelkompressor. In beiden Fällen mussten die Karosserien komplett nachgebaut werden, da keine Karosserieteile überlebt hatten. Rod Jolley Coachbuilding fertigte die Alu-Karosserien in England neu an. 1998 kaufte die Audi AG den 1938er Rennwagen auf. Das Doppelkompressor-Fahrzeug kehrte nach Florida zurück. Im Jahr 2000 veräußerte Paul Karassik es an einen privaten Sammler. 2012 kaufte Audi auch diesen Silberpfeil zurück.

Der wertvolle Oldtimer aus Zwickau gelangte zwischenzeitlich ins Auktionshaus von Carmel, weil sich die Bewohner Luxuswagen vermutlich mal so nebenbei gönnen. Carmel-by-the-Sea gilt als Rückzugsort der Reichen und Schönen sowie als Ort der Inspiration für Künstler und Intellektuelle. Die Hollywood-Größen Doris Day und Clint Eastwood besitzen im charmanten Carmel, gelegen an der berühmten Küstenstraße California 1, eigene Hotels.

Eastwood wurde 1986 als Kandidat der Republikanischen Partei zum Bürgermeister gewählt und begleitete dieses Amt bis 1988. „Dirty Harry“ erlaubte den Eis-Verzehr auf den Straßen, was bis dato wegen Angst vor zu viel Müll verboten gewesen war. Eine andere kuriose Vorschrift besteht fort: Das Tragen hoher Absätze muss man sich im Rathaus genehmigen lassen. Mit dieser Regelung aus den 1920er Jahren will die Verwaltung Schadensersatzforderungen bei Stürzen auf öffentlichen Wegen umgehen. Außerhalb des Stadtzentrums existieren keine Fußwege. Ebenfalls ungewöhnlich: In Carmel gibt es keine Straßenlaternen, Leuchtreklamen, Parkuhren, Fast-Food-Restaurants, Briefkästen und Hausnummern. Die Bewohner müssen ihre Post selbst abholen.

Pechstein-Kunst im Los Angeles County Museum of Art

Kenner der Kunstszene wissen sofort: die Abkürzung LACMA steht für das Los Angeles County Museum of Art. Es liegt ebenfalls am Wilshire Boulevard, schräg gegenüber vom Petersen Automotive Museum. Die Sammlung umfasst 130.000 Werke von der Antike bis zur Gegenwart. Damit ist die 1910 gegründete Einrichtung das größte Kunstmuseum der westlichen USA. Die Arbeiten deutscher Expressionisten, darunter Max Pechstein (1881-1955), sind immer wieder Bestandteil der Präsentationen im LACMA. So enthielten die Ausstellungen „AKTION! Art and Revolution in Germany, 1918-19“ (zu sehen 2015/16) und „Visions of the South“ (2014) Werke des gebürtigen Zwickauers. Auf der Homepage finden sich detaillierte biografische Angaben zur Person Max Pechstein.

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Los Angeles County Museum of Art. (Bildrechte: zwickautopia.de)

Auch bei meinem Museumsbesuch im Mai 2017 (Eintritt: 15 Dollar) wurden Werke des deutschen Expressionismus gezeigt. Im Gebäude „Ahmanson Building“ – benannt nach dem Geschäftsmann und Museums-Mäzen Howard F. Ahmanson Sr. – habe ich zwei Pechsteinsche Ölgemälde auf Leinwand entdeckt. Das Werk „Portrait of a Girl/Still Life with Fan“ (Porträt eines Mädchens/Stillleben mit Fächer) entstand 1919/20 und stammt aus der Sammlung von Rosabelle und Stanley Bergermann. Das Werk „Sunlight“ (1921), ein Geschenk des Filmregisseurs Josef von Sternberg („Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich), zeigt zwei Frauen im Sonnenlicht.

Zu den größten Geldgebern des Museums zählt der US-Batteriehersteller Johnson Controls, der im Industriegebiet an der Reichenbacher Straße in Zwickau ein Werk für Start-Stopp-Batterien betreibt. Auf einer Spendertafel ist das Unternehmen in der Kategorie „500.000 bis 999.999 Dollar“ gelistet.

Das große Interesse in Amerika an expressionistischer Kunst aus Deutschland lässt erahnen, welch internationales Potenzial im noch jungen Zwickauer Max-Pechstein-Museum für den Tourismus und damit den Bekanntheitsgrad der Stadt Zwickau steckt. Die weltweit größte Pechstein-Sammlung, seit 2014 in den Kunstsammlungen Zwickau zu sehen, beschäftigt sich zum Beispiel ausführlich mit Pechsteins Visionen vom Süden, also der künstlerischen Umsetzung seiner ausgedehnten Südseereise im Jahr 1914.

Eine weitere Entdeckung habe ich im Gebäude „Art of the Americas Building“ gemacht. Dort thematisierte eine Ausstellung das Schaffen des Bauhaus-Künstlers und -Lehrers László Moholy-Nagy. 1927 kreierte er ein Werbeplakat für den Zwickauer Kaufhaus-Konzern Schocken. Der Ungar gestaltete es mit einem Motiv der Nürnberger Schocken-Filiale und zwei identischen Bildern eines Kunden mit erhobenen Händen. Darunter steht in roter Schrift und ohne Fragezeichen: „HALT! Waren Sie schon im Kaufhaus Schocken“. Bei dem abgebildeten Mann handelt es sich um den Architekten und Designer Marcel Breuer, der als Erfinder des modernen Stahlrohr-Möbels gilt. Die im LACMA präsentierte Schocken-Werbung, ein Gelatine-Silber-Druck mit Tinte, gehört eigentlich zum Bestand des J. Paul Getty Museums in Los Angeles. Sein Namensgeber war ein amerikanischer Öl-Industrieller und Kunstmäzen.

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