Kommt Zeit, kommt Rad!

Rund 30 Zwickauer Bürger schwangen sich am 21. August 2017 auf ihr Fahrrad und starteten mit Oberbürgermeisterin Pia Findeiß zur ersten Stadtfahrradtour. Die fast sieben Kilometer lange Premierenroute führte vom Hauptmarkt über die für Radfahrer freigegebene Hauptstraße in die Nordvorstadt und weiter nach Marienthal. Die Drahtesel-Karawane legte mehrere Zwischenstopps ein. Autofahrer und Passanten staunten angesichts des Pulks aus Pedalrittern. An den Etappenorten erläuterten OB Findeiß, Ulrich Skaruppe vom Tiefbauamt und Uwe Ziesler von der Stabsstelle Stadtentwicklung Ideen und konkrete Vorhaben, wie der Radverkehr in die Gänge kommen soll.

Die Ausgangslage

Die Automobilstadt Zwickau hat die Radfahrer über Jahrzehnte ausgebremst. Die regelmäßig schlechten Ergebnisse beim deutschlandweiten „Fahrradklimatest“ des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) sprechen Bände. In der aktuellen Erhebung von 2016 erhielt Zwickau die Note 4,3 und belegte in der Stadtgrößengruppe 50.000 bis 100.000 Einwohner den 90. Platz unter 98 Städten. Gerade noch ausreichend – Pia Findeiß hält diese Benotung für gerechtfertigt. „Wir haben noch viel zu tun“, räumte sie im Gespräch mit ZWICKAUTOPIA ein. Die Versäumnisse aufzuholen dauert noch über ein Jahrzehnt. Deshalb reicht das Ende 2016 von der Stadtverwaltung vorgelegte Radverkehrskonzept vorsorglich bis ins Jahr 2030.

Radwegenetz in Zwickau (Quelle: Tiefbauamt Stadt Zwickau)

  • Straßen mit Radfahrstreifen, einseitig oder beidseitig: 6,3 km
  • Straßen mit Schutzstreifen, einseitig oder beidseitig: 4,7 km
  • Straßen mit getrennten Geh- und Radwegen, einseitig oder beidseitig : 2,6 km
  • Straßen mit gemeinsamen Geh- und Radwegen, einseitig oder beidseitig: 2,9 km
  • Straßen mit Gehweg – Radfahrer frei, einseitig oder beidseitig: 1,7 km
  • selbständig geführte Geh- und Radwege abseits des Kfz-Verkehrs: 27 km (davon Muldenpromenade zwischen Cainsdorfer und Crossener Brücke: 10,0 km, Marienthaler Bachweg: 1,8 km, Stenner Marktsteig: 3 km)

Nicht mitgezählt werden die Fußgängerzonen, die auch für den Radverkehr stundenweise oder ganztags freigegeben sind, und die Straßen der 30 km/h-Zonen.

Welche Maßnahmen sind seitens der Stadt konkret geplant?

Entlang der Querverbindung Pölbitz – Marienthal tut sich schon bald etwas: Von Oktober bis Dezember 2017 soll die Schotterpiste Jogichesweg zwischen Crimmitschauer Straße und dem Unternehmen „Tower Automotive“ auf 500 Metern Länge grundhaft ausgebaut werden. Kosten: rund 200.000 Euro.

Nachdem die Bahn den Brückenbau am „Olzmanntunnel“ beendet hat, will die Stadt 2019/20, spätestens 2021, die Olzmannstraße zweispurig sanieren und Radstreifen anlegen. Gesamtkosten: rund drei Millionen Euro. Das Rathaus erhofft sich eine Förderung von rund 80 Prozent. Ergänzend dazu soll die Neuplanitzer Straße stadtauswärts einen Radstreifen erhalten. Stadteinwärts ist die Mitbenutzung des Gehwegs vorgesehen. Ziel: eine durchgehende Radroute Neuplanitz – Marienthal. Ob sie an den Marienthaler Bachweg direkt angebunden werden kann, hängt von Plänen für eine Wohnbebauung im Areal östlich der Olzmannstraße (Hoferstraße) ab.

Eine weitere Route soll den Brander Marktsteig mit dem Marienthaler Bachweg verknüpfen. Für die Trasse über die Bülaustraße und alte Lehmbahn werden derzeit zwei Varianten geprüft, erläuterte Stadtentwickler Ziesler.

Welche Ideen hat die Stadt im Rahmen der Radtour noch präsentiert?

Verkehrsplaner Skaruppe brachte ins Gespräch, in der Römerstraße die Einbahnstraßen-Regelung für den Radverkehr aufzuheben. Das soll die City für Radler aus der Nordvorstadt besser erreichbar machen. „Bis wann ist das umsetzbar?“, fragte OB Findeiß – offenbar Feuer und Flamme für diese Idee. Skaruppe spielte den Ball weiter: „Kommt aufs Ordnungsamt an.“

Die Kreuzung Kolpingstraße/August-Bebel-Straße wird von vielen Schülern der Pestalozzischule und des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums gequert. Eine Insel in der Straßenmitte könnte hier für mehr Sicherheit sorgen. Um den nötigen Platz zu schaffen, müsste die Kolpingstraße um etwa 2,50 Meter aufgeweitet werden. „Das lässt sich leider nicht aus der Portokasse bezahlen“, so Pia Findeiß.

Der 2011 eröffnete Radweg „Pölbitzer Industriebahn“ endet am Knoten Horchstraße/Crimmitschauer Straße abrupt. Für diese unübersichtliche Kreuzung brachte die Rathauschefin – mit Blick auf den Stadtrat – den schon lange diskutierten Kreisverkehr wieder ins Gespräch. Die Kreisellösung soll den Gefahrenpunkt entschärfen, wovon auch Radfahrer profitieren: Sie könnten die Horchstraße einfacher queren und wären zwischen Pölbitz und Marienthal sicherer auf Achse.

Im Marienthaler Ortskern nutzen die Radfahrer die Achse Julius-Seifert-Straße – Heckenweg noch stärker als den Bachweg, so Ulrich Skaruppe. Deshalb sei es denkbar, diesen Abschnitt offiziell als „Fahrradstraße“ zu deklarieren und den Autoverkehr ausschließlich für Anwohner freizugeben.

Wo ist Sand im Getriebe? Was wünschten die Teilnehmer?

Sie forderten u. a. eine leicht verständliche Ausschilderung sowie mehr kombinierte Fuß- und Radwege, Fahrradampeln und Radwegweiser mit Richtungs- und Kilometerangaben. Laut Skaruppe ist eine solche Beschilderung nach Planitz in Arbeit. Allein dafür seien im Bürgerhaushalt 25.000 Euro vorgesehen – eine kostspielige Angelegenheit, die für Raunen unter den Radlern sorgte.

Dass es entlang der Werdauer Straße nur stadtauswärts einen 1,50 Meter breiten Radstreifen gibt, begründete der Fachmann mit den Platzverhältnissen. Zudem seien die Fahrradfahrer hier stadteinwärts „kaum langsamer als die Autos“ unterwegs. Pia Findeiß wertete es gegenüber ZWICKAUTOPIA als „Fortschritt“, dass in Zwickau bei Straßensanierungen oder -neubauten seit geraumer Zeit an Radstreifen gedacht werde.

Zur Verwunderung der Stadtvertreter bekundete eine Radlerin, die Radtangente Pölbitz – Marienthal noch nicht gekannt zu haben. „Wir verstehen es, unsere Radwege zu verstecken“, meinte OB Findeiß selbstkritisch. Um die vorhandenen innerstädtischen Strecken bekannter zu machen, sieht das Radverkehrskonzept einen Fahrradstadtplan vor.

Ein Teilnehmer stellte das lokale Selbstverständnis, „Automobilstadt“ zu sein, in Frage. Zwickau solle sich vielmehr als „Mobilitätsstadt“ begreifen und an alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen denken.

Wie geht es nach der Stadtfahrradtour weiter?

Damit das mit 45,2 Kilometern Länge noch überschaubare Radwegenetz wächst, soll der Stadtrat das Radverkehrskonzept möglichst 2018 beschließen. Was dann konkret umgesetzt wird, hängt von Faktoren wie Haushalts- und Fördermitteln, dem politischen Willen, personellen Ressourcen, Eigentümerfragen und Anwohnerinteressen ab. Die knapp zweistündige Tour endete jedenfalls mit Applaus und soll im kommenden Jahr wiederholt werden.

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