Verzwickte Streetart

Der Zwickauer Tätowierer Randy Engelhard gehört zu den bekanntesten seiner Zunft. In der Fernsehshow „Horror Tattoos – Deutschland, wir retten deine Haut!“ (Pro Sieben, Sixx) gestaltet er misslungene Tattoos um – mit verblüffenden Ergebnissen. Engelhard betreibt in der Zwickauer Innenstadt an der Peter-Breuer-Straße 17 die schicke „Lifestyle-Passage“. Herzstück ist sein Tätowierstudio „Heaven of Colours“ – freie Termine sind heiß begehrt. Auch Prominente wie Sophia Thomalla begeben sich in die Hände des Meisters der Körperkunst, der sich seiner Heimatstadt verbunden fühlt. Hier organisiert Randy Engelhard die Messe „Tattoo Expo“ und ließ kürzlich gegenüber vom Tattoo-Studio die Parkplatzwände mit kunstvollen Graffiti-Bildern gestalten. Dieser Streetart-Aktion in unmittelbarer Nähe zum Dom St. Marien war ein öffentlich ausgetragener Streit mit dem Rathaus vorausgegangen.

2016 ließ der Immobilienunternehmer Kurt Fliegerbauer an der Peter-Breuer-Straße/Ecke Schulgässchen sein außergewöhnliches Objekt „Block 26“ demontieren. Dieses farbenfrohe Ensemble aus aufeinander gestapelten Baustellen-Containern war 2005 eröffnet worden und sollte mit erschwinglichen Mieten junge Kreative aus Bereichen wie Mode, Design und Kunsthandwerk ins Stadtzentrum locken. Doch die anfängliche Euphorie verflog, das Konzept ging langfristig nicht auf – Fliegerbauer ordnete nach zehn Jahren den Abriss an. Für die architektonische Vielfalt der City war diese Entscheidung ein herber Verlust. Denn moderne Architektur, die Zwickau ein zeitgemäßes Gesicht verleiht und sich zugleich behutsam in die historischen Strukturen einfügt, gibt es in der Innenstadt zu wenig. Ein eben solcher mutiger städtebaulicher Akzent war der „Block 26“. Zurück blieb eine öde, als Parkplatz genutzte Brachfläche – in direkter Nachbarschaft zum Tattoostudio von Randy Engelhard.

Der umtriebige und kreative Tätowierer verfolgte nun den Plan, die entstandenen freien Wandflächen optisch aufzuwerten. „Auf eigene Kosten versteht sich“, postete er auf Facebook – dies sei eine „Ehrensache“. Engelhard engagierte den laut seiner Beschreibung „renommierten Streetart-Virtuosen“ Jens Müller aus Meerane – Künstlername „Tasso“. Für ein derartiges Projekt komme für ihn nämlich „nur eine Zusammenarbeit mit den Besten der Besten“ in Frage.

Am 2. August vermeldete Randy Engelhard auf seiner über 185.000 Abonnenten zählenden Facebook-Seite einen „Eklat“: „Die Stadt Zwickau wehrt sich gegen moderne Kunst. (…) Die Bauamtsleitung Zwickau hat am heutigen Tage höchstpersönlich einen sofortigen Baustopp erwirkt, unsere Kunst passe nichts ins Stadtbild und ziehe ‚eine bestimmte Zielgruppe‘ an. Eine bestimmte Zielgruppe – welche auch immer damit gemeint sein mag – die man hier wohl nicht haben möchte. Mein Ziel, der Stadt, in der ich geboren bin und mich und mein Unternehmen verwurzelt sehe, etwas zurückzugeben, ist also vorerst gescheitert. Es wird uns ohne rationale Begründung untersagt, auf unserem Grund und Boden ein mit meinem Geld finanziertes hochkarätiges Kunstprojekt zu Gunsten der Stadt Zwickau zu verwirklichen. Was wird unsere Stadt wohl als nächstes tun, um junges, dynamisches und lebensfrohes Publikum fernzuhalten?“

Engelhard veröffentlichte auf Facebook auch das Schreiben der Stadtverwaltung, die darin das „Anbringen von Wandbemalungen (Werbeanlagen) ohne erforderliche Baugenehmigung“ monierte. Die Behörde ordnete die „sofortige Einstellung“ der Arbeiten an. Andernfalls drohe ein „Zwangsgeld“ in Höhe von 2.000 Euro. Für diesen Bescheid stellte das Rathaus 100 Euro in Rechnung und machte darüber hinaus „Zustellungskosten“ in Höhe von 3,13 Euro geltend. Ungeachtet der Genehmigungslage erwies sich dieses Behördenvorgehen als ungeschickt, weil Randy Engelhard die Macht der sozialen Netzwerke für seine Zwecke einzusetzen wusste. Sein Facebook-Beitrag – trotz nachvollziehbarer Verärgerung ein Bärendienst für die Außenwirkung der Stadt – wurde zigmal kommentiert, über 500-mal geteilt und machte die Massenmedien auf den Streetart-Streit von Zwickau aufmerksam.

Angesichts der Empörungswelle rauften sich beide Seiten schnell zusammen und einigten sich im gegenseitigen Dialog auf einen Kompromiss. Bestimmte Motive wurden verändert, um nicht mehr als Werbung zu gelten. „Insgesamt handelt es sich bei der Gestaltung der Fläche um eine Interimslösung“, sagte Rathaussprecher Mathias Merz der „Freien Presse“. Was mit dem Areal mittelfristig geschehen wird, ist derzeit ungewiss.

Randy Engelhard meldete sich am 7. Oktober wieder auf Facebook zu Wort: „Das Projekt ist beendet und somit danke ich in erster Linie dem Künstler Jens Tasso Müller für das absolut geile sehenswerte Kunstwerk! Und natürlich auch unserer Stadt Zwickau, dass sie im letzten Moment noch eingelenkt hat und wir aus dieser tristen Ecke eine tolle Sehenswürdigkeit machen konnten.“

Seitdem erhielten Engelhard und Müller für ihr Projekt viel öffentlichen Zuspruch. Das fotorealistisch gestaltete, 130 Quadratmeter große Wandpanorama, hinter dem sich der Dom St. Marien auftürmt, kombiniert Historie mit Zwickauer Lokalkolorit und etwas Glamour. Michelangelos „Erschaffung Adams“ floss ebenso in die Gestaltung ein wie das Stadtwappen und drei Schwäne, die Zwickauer Wappentiere. Marilyn Monroe räkelt sich lasziv im roten Kleid, daneben bläst Jack Nicholson Rauchringe in die Luft.

Auch Klaus Fischer, der Vorsitzende des ebenso umtriebigen Zwickauer Kunstvereins „Freunde Aktueller Kunst“, ist voll des Lobes für Tasso. „Um für das kunsterpichte Zwickau ein weiteres Alleinstellungsmerkmal beizusteuern, entwarf der international anerkannte Graffitispezialist das flächenintensivste und ansehnlichste Wandgemälde, das in der Muldestadt je das öffentliche Licht der Welt erblickte“, schrieb Fischer in seiner in der „Freien Presse“ erscheinenden Kulturkolumne und ergänzte augenzwinkernd: „Weder Dresden, Leipzig noch Chemnitz, also jene Städte, die am ehesten mit unserer Kunstmetropole mithalten könnten, verfügen über einen solch imposanten Wandschmuck.“

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Ein Kommentar zu „Verzwickte Streetart

  1. Da hat sich die Stadt mal wieder ein dolles Ei gelegt. Irgendein Amtswilly fühlt sich halt immer auf den Schlips getreten.
    Auch wenn hier von „Interimslösung“ die Rede ist; man soll sich doch keiner Illusion hingeben. So schnell wird die Ecke mit Sicherheit nicht wieder bebaut. Und ein optisches Schmankerl ist es in jedem Fall.

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