Zwickaus DDR-Verkehrsbauten erleben ihr „blaues Wunder“

Die Stadt Zwickau hat sich 2017 von einem erhaltenswerten Stück DDR-Architektur getrennt. Die Fußgängerbrücke „Blaues Wunder“ wurde abgerissen und durch Zebrastreifen ersetzt. Obwohl das blau lackierte Bauwerk einen geringen architektonischen Wert aufwies, war es ein städtebaulicher Ausdruck seiner Zeit und für den Stadtteil Eckersbach ortsbildprägend. Ein weiterer Wermutstropfen für viele Eckersbacher und Straßenbahnfreunde: Mit dem Blauen Wunder ist zugleich ein beliebter Aussichts- und Fotostandpunkt verschwunden. Auch die Tage der Zentralhaltestelle, zur Eröffnung 1988 ein Schmuckstück der DDR-Moderne, sind gezählt.

Die Fußgängerbrücke zur Überquerung der Sternenstraße wurde laut Stadtarchiv von der Stadt Zwickau 1984 beauftragt und zum Republik-Geburtstag am 7. Oktober 1985 der Bevölkerung übergeben. Die Stahlteile sind in Zwickau gefertigt worden, und zwar im VEB Metalleichtbaukombinat Plauen Werkteil III „Karl Marx“ an der Äußeren Dresdner Straße. Der Volksmund taufte die Brückenkonstruktion ironisch „Blaues Wunder“ – in Anspielung auf das berühmte Dresdner Bauwerk, dessen Stahlteile in der ehemaligen Königin-Marien-Hütte im heutigen Zwickauer Stadtteil Cainsdorf gefertigt worden sind.

Die leicht geschwungene Brücke verband die nördlich und südlich der Sternenstraße gelegenen Wohngebiete E-5/1 und E-5/2. Sie diente zugleich als Zugang zum Stadtteilzentrum „Eckersbacher Markt“ und zur 1992 eröffneten Straßenbahnhaltestelle „Eckersbach Mitte“. Das durch den demografischen Wandel und Wegzug entvölkerte Wohngebiet südlich der Sternenstraße wurde ab dem Beginn der 2000er Jahre größtenteils abgerissen. Seit 2015 steht in E-5/2 das neue Fußballstadion. Im Mai 2017 ließ die Zwickauer Stadtverwaltung die verrostete Brücke, welche an Bedeutung verloren hatte und keine Barrierefreiheit aufwies, dem Erdboden gleichmachen. Dafür vermutlich beispielgebend waren die Städte Leipzig und Dresden mit den Abrissen ihrer Fußgängerbrücken am Tröndlin-/Goerdelering (2004) bzw. an der Albertstraße (2016).

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Das „Blaue Wunder“ kurz vor dem Abriss, April 2017. (Bildrechte: zwickautopia.de)
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Gleiche Blickrichtung, Juni 2017: Das „Blaue Wunder“ ist aus dem Stadtbild verschwunden. (Bildrechte: zwickautopia.de)
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Gleiche Blickrichtung, November 2017: Auf der Nordseite der Sternenstraße sind die neue Treppen- und Rampenanlage sowie die neue Straßenquerung mit Zebrastreifen fertig. (Bildrechte: zwickautopia.de)

Eine Treppen- und barrierefreie Rampenanlage ersetzt nun das Blaue Wunder und gleicht die Höhenunterschiede zwischen dem Straßenniveau und den Wohngebieten aus. Der erste Bauabschnitt (Nordseite der Sternenstraße) wurde im November 2017 freigegeben. Die stadteinwärtige Straßenbahnhaltestelle der Linie 3 Eckersbach – Neumarkt – Neuplanitz ist jetzt ebenerdig über Zebrastreifen erreichbar. Auf der Südseite sollen die identischen Arbeiten noch bis voraussichtlich Frühjahr 2018 andauern.

Die Treppen- und Rampenlösung ist nach Darstellung der Stadt kostengünstiger als ein Brückenneubau mit Aufzügen. Auf die Umgestaltung der Haltestelle „Eckersbach Mitte“ abgestimmt wurden weitere Baumaßnahmen: Die Städtischen Verkehrsbetriebe Zwickau (SVZ) haben im Sommer den letzten Abschnitt der 25 Jahre alten Eckersbacher Straßenbahntrasse saniert. Bereits in den Sommerferien 2015 und 2016 hatten die SVZ die Teilstücke Talstraße – Amseltal und Amseltal – Astronomenweg von Grund auf instandgesetzt. Das Tiefbauamt ließ die stadteinwärtige Fahrbahn der Sternenstraße zwischen Max-Planck-Straße und Astronomenweg sanieren. Dabei wurde die Eckersbacher Magistrale – zu DDR-Zeiten für ein viel höheres Verkehrsaufkommen konzipiert – auf eine Fahrspur zurückgebaut. Auch in anderen Abschnitten war die Fahrbahn zugunsten breiter Fahrradstreifen bereits eingeengt worden.

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Die Zentralhaltestelle befindet sich am Übergang von der Bahnhofsvorstadt zur Innenstadt. Die Entscheidung, den Nahverkehr an diesem Ort zu bündeln, geht auf die Pläne für eine „sozialistische Umgestaltung des Stadtzentrums“ zurück. „Das pulsierende Leben der Stadt wird heute und in Zukunft in dem Bereich zwischen Georgenplatz, Poetenweg, Platz der Völkerfreundschaft, Reichenbacher Straße, Stiftstraße zu suchen sein. Es fügt sich an dieser Stelle zwischen Hauptbahnhof und Altstadt ausgezeichnet in den bestehenden Organismus der Stadt ein“, formulierte Zwickaus Stadtarchitekt Herbert Drechsler schon Anfang der 1960er Jahre.

Von 1975 bis 1988 besaß Zwickau eine einzige Straßenbahnlinie (Pölbitz – Neumarkt – Städtisches Klinikum). Im Januar 1989 wurde der kurze Streckenast zum Hauptbahnhof reaktiviert – mit direkter Anbindung an die wenige Monate zuvor (6. Oktober 1988) eingeweihte Zentralhaltestelle, deren Hauptzweck darin bestand, elf innerstädtische und 33 Regionalbuslinien zu bündeln. Mit dem etappenweisen Bau der Straßenbahnverbindung Eckersbach – Neumarkt – Neuplanitz (erster Teilabschnitt 1992 eröffnet, 2005 vollendet) entstand am Neumarkt wieder ein echter Nahverkehrsknoten, zu dem sich die Hauptfahrgastströme allmählich verlagert haben. Ab dem Fahrplanwechsel im Dezember 2017 wird das Straßenbahnkreuz Neumarkt, wo schon seit Längerem auch verschiedene Buslinien halten, die Funktion der Zentralhaltestelle endgültig übernehmen. Dadurch entstehen bessere Umsteigemöglichkeiten zwischen den Tram- und Buslinien der SVZ.

Weil Zwickau seine Zentralhaltestelle in ihrer heutigen Dimension also nicht mehr benötigt, wird sie das Schicksal des Blauen Wunders ereilen – der Abbruch ist beschlossene Sache. Darüber informierte Oberbürgermeisterin Pia Findeiß die Bürger bei ihrem 12. „Stadtspaziergang“, der im August stattfand. Laut einer gleichzeitig veröffentlichten städtischen Pressemitteilung zählt die „Nachnutzung der Flächen der Zentralhaltestelle“ zu den Vorhaben, „die für 2018 realistisch einzuordnen sind.“

Nicht nur hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Nahverkehr, sondern auch beim Erscheinungsbild hat Zwickaus „Zenti“ ihren Zenit überschritten. Aus der einst modernen Verkehrsstation ist ein Schandfleck geworden, der auf dem Weg vom Hauptbahnhof ins Zentrum den ersten Eindruck von Zwickau trübt. In den vergangenen fast 30 Jahren wurde hier augenscheinlich nur das Allernötigste in die Instandhaltung investiert. Die Stadt spricht – im Zusammenhang mit dem angrenzenden privaten „Schocken“-Areal betrachtet – von einem „desolaten städtebaulichen Umfeld“, wie aus den Unterlagen für die mittlerweile gescheiterte Bewerbung um die Austragung der sächsischen Landesgartenschau 2022 hervorgeht. Den gleichen Unterlagen ist zu entnehmen, dass die Fläche nach dem Rückbau „eine deutliche Aufwertung erfahren muss.“ Aus meiner persönlichen Sicht wünschenswert wären eine Erweiterung des Schwanenteichparks in Richtung Werdauer Straße und eine Umbenennung der Tram-/Bushaltestelle „Zentralhaltestelle“ in „Schwanenteichpark“.

Nachdem schon der Abriss des Blauen Wunders in den sozialen Netzwerken kontrovers diskutiert worden ist, sorgt nun auch das Thema Zentralhaltestelle für erste emotionale Reaktionen in der Bevölkerung. Ein Bürger aus dem Zwickauer Vorort Reinsdorf äußerte in einem an die „Freie Presse“ gerichteten Leserbrief, er sei „sehr entsetzt, dass die wunderschöne Stahlkonstruktion der Zentralhaltestelle abgerissen werden soll!“ Dieses Konstrukt stehe „ganz eindeutig in der Bauhaus-Tradition“ und sei „in seiner Ästhetik mit das beste und wertvollste, was Zwickau an Architektur aufzubieten hat.“

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Ein Kommentar zu „Zwickaus DDR-Verkehrsbauten erleben ihr „blaues Wunder“

  1. Mit dem ‚blauen Wunder‘ geht wieder ein Stück Kindheit dahin. Was waren meine Eltern vor 25 Jahren dankbar, dass ich sicher über die Straße zur Schule laufen konnte. Gerne erinnere ich mich an das Geräusch beim Drübergehen und den Blick ins Tal. Aber nach 2000 wirkte die Brücke bald wie ein Relikt, dass auf der Marktseite (auch so eine traurige Geschichte) ins Nichts führt. als Jugendlicher kam man sich damals wie in Prypjat vor. Damit hat Eckersbach nun auch das letzte Merkmal verloren und eigentlich könnte man nun auch mal konsequenterweise, die restlichen Häuser abreisen. Die Hässlichkeit dieses Gebiets ist bei den seltenen Reisen in die alte Heimat unerträglich geworden.

    Zur ‚Zenti‘

    In meiner Jugend hieß das Ding eigentlich ‚de Zentra‘, aber das nur am Rande. Ein Ort. der schon in den 90ern ranzig war und ich mich als Kind immer fragte, wann das überhaupt gebaut wurde. Für die DDR zu modern, für die 90er zu vergammelt.
    Das Problem ist einfach, dass von dort aus niemand irgendwo hingehen will. Die Bahnhofsstraße läugt niemand hoch, die Werdauer ist eine Autoschneise und durch diesen ekligen Tunnel bin ich schon als Kind nur widerwillig gegangen. Ja, die Zentra ist interessant, aber sie erfüllt keinerlei Nutzen mehr und ist ein Angstraum. Wer nachts in Zwigge unterwegs war, wird die Schlägereien an diesem Platz nicht vermissen. Es ist schade drum, aber das denkt man sich in Zwigge doch ständig.

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