Landesausstellung 2020: Zwickau wird Sachsens Hauptstadt der Industriekultur

Während Zwickau 2018 sein 900. Stadtjubiläum feiert, werden im Hintergrund schon die Vorbereitungen für das nächste Großereignis getroffen: die 4. Sächsische Landesausstellung, deren zentraler Schauplatz die Stadt Zwickau sein wird. Vom 25. April bis 1. November 2020 findet die Leitausstellung im sogenannten Audi-Bau an der Audistraße statt. Sie ist das zentrale Ereignis im „Jahr der Industriekultur“ und wird von sechs Satellitenausstellungen begleitet: dem „Schauplatz Automobil“ im August-Horch-Museum Zwickau, dem „Schauplatz Maschine“ im Sächsischen Industriemuseum Chemnitz, dem „Schauplatz Eisenbahn“ im Eisenbahnmuseum Chemnitz-Hilbersdorf, dem „Schauplatz Textil“ in der Tuchfabrik Gebr. Pfau Crimmitschau, dem „Schauplatz Erz“ in der Himmelfahrt Fundgrube Freiberg und dem „Schauplatz Kohle“ im Bergbaumuseum Oelsnitz/Erzgebirge. Im Januar ist das vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst berufene 45-köpfige Kuratorium zu seiner konstituierenden Sitzung zusammengetreten.

Die verklinkerte Audi-Halle befindet sich auf einem traditionellen Industriegelände im Stadtteil Pölbitz. An diesem authentischen Ort hat August Horch 1909 den heutigen Weltkonzern Audi gegründet – ein ausschlaggebender Grund, warum Zwickau den Zuschlag für die Leitschau erhalten hat. Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange betonte bei der Vergabe im Sommer 2016: „Die Stadt ist mit ihrer Geschichte ein sehr geeigneter Standort für eine Leitausstellung zur sächsischen Industriekultur, die die branchenübergreifenden Merkmale der industriekulturellen Entwicklung Sachsens darstellen wird. Der Freistaat gilt als Wiege der industriellen Entwicklung Deutschlands. Diese hat alle Facetten unseres Lebens geprägt und strahlt auch auf die Zukunft der Industrie aus. Dieses große und noch viel zu wenig behandelte Thema wollen wir in einer eigenen Landesausstellung präsentieren. Industriekultur ist Erbe und Auftrag zugleich.“

Es sei nicht einfach gewesen, ein Gebäude zu finden, das eine industriekulturelle Vergangenheit habe, den baulichen Ansprüchen an eine qualitativ hochwertige Ausstellung genüge und für die Ausstellung verfügbar sei. „Auf den sogenannten Audi-Bau trifft dies zu“, erklärte Stange. Das denkmalgeschützte Industriebauwerk wird für die Zeit der Landesausstellung angemietet und auf zwei Etagen für die Bedarfe der Industriekulturschau umgebaut und saniert. Die Eingriffe werden laut Kunstministerium „auf das absolute Minimum beschränkt, sodass der vorhandene Industriecharakter erhalten bleibt.“ Darüber hinaus wird in flexibler Containerbauweise ein Empfangsgebäude errichtet, welches ausschließlich für die Dauer der Landesausstellung benötigt wird. „Der zweigeschossige Anbau ergänzt das Bestandsensemble in moderner Sprache und unterstreicht den industriellen Charakter des Gebäudekomplexes. Durch seine Leichtigkeit und Transparenz steht es in einem spannungsreichen Kontrast zum massiven Mauerwerksbau des Bestandsgebäudes“, kündigte das Ministerium an. Die Entwürfe stammen von der Arbeitsgemeinschaft AFF Gesellschaft von Architekten mbH (Berlin) und Georgi Architektur und Stadtplanung (Chemnitz).

Zwickau, so teilte das Kunstministerium weiterhin mit, sei eine Stadt mit einer langen und reichhaltigen Industrietradition. „Die Stadt erlebte im 15. Jahrhundert ihre erste Blüte durch die Förderung reichhaltiger Steinkohle- und Silberfunde. Zeitgleich entwickelte sich die Tuchmacherzunft. Einen weiteren Aufschwung erfuhr Zwickau durch die industrielle Förderung der Steinkohle. Später trugen Unternehmen des Maschinenbaus und vor allem des Automobilbaus zum Wohlstand der westsächsischen Stadt bei“, hieß es in einer Mitteilung der Ministerin. Pia Findeiß, die Oberbürgermeisterin Zwickaus, wertet das kulturelle Großereignis im Jahr 2020 als „Glücksfall“ und verspricht, Zwickau werde „eine gute Gastgeberstadt“ sein.

Der Freistaat Sachsen fördert die Durchführung der Leitausstellung und die Koordination mit den Zusatzausstellungen mit bis zu 5,8 Millionen Euro. Die 4. Sächsische Landesausstellung sollte eigentlich schon 2018 im Zwickauer Horch-Hochbau stattfinden. Dafür hatte die Staatsregierung im Januar 2014 den Auftrag erteilt. Die Stadt stellte jedoch im Mai 2014 fest, dass die Sanierung des Gebäudes nicht im kalkulierten Zeit- und Finanzrahmen möglich ist. Zudem konnte mit dem Eigentümer keine sinnvolle kommunale Nachnutzung vereinbart werden, was Finanzierungsvoraussetzung war. Daraufhin hat Zwickau im Dezember 2014 ersatzweise die Durchführung der Landesausstellung in einem Stadtarchiv-Neubau im Jahr 2019 angeboten. „Dieses Angebot konnte die hohen qualitativen Anforderungen an Authentizität eines Ausstellungsgebäudes nicht erfüllen. Zudem hätte es 2019 eine zeitliche Konkurrenz zur Landesgartenschau in Frankenberg gegeben“, teilte das Ministerium mit.

Für die inhaltliche Ausgestaltung der Leitschau in Zwickau erhielt das Deutsche Hygiene-Museum Dresden (DHMD) den Zuschlag. „Es ist neben den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden wohl das sächsische Museum mit den größten Erfahrungen in der erfolgreichen Bewältigung von Ausstellungen mit überregionaler und internationaler Ausstrahlung“, begründete Kunstministerin Stange diese Entscheidung. Das DHMD soll das Thema Industriekultur in seiner gesamten Bandbreite ausleuchten. Stange weiter: „Bei aller Themenvielfalt nehmen die Projekte des Deutschen Hygiene-Museums immer wieder Bezug auf Grundfragen des Lebens in der Moderne, im Industriezeitalter, auf das Verhältnis des Menschen zur Natur, zur Technik und Wissenschaft. Auch die Landesausstellung wird darstellen, wie die industrielle Entwicklung die Identität, den Wohlstand, das Zusammenleben im heutigen Sachsen beeinflusst hat. (…) Das Deutsche Hygiene-Museum garantiert eine Ausstellung, die dem hohen Qualitätsstandard für Sächsische Landesausstellungen entspricht. Kurz gesagt: Es steht für Perfektion bei Ästhetik, Publikumsnähe, Spannung, didaktischer Vermittlung und wissenschaftlicher Grundlage von Ausstellungen mit überregionaler Strahlkraft. Das ist es, was wir wollen.“

Als Leitender Kurator fungiert Thomas Spring, der laut Ministerium bereits große Ausstellungen unter anderem im Rahmen der Expo 2000 in Hannover, für die Volkswagen-Stiftung und das Deutsche Bergbaumuseum in Bochum betreut hat. In Sachsen entwickelte er das Ausstellungskonzept für das im Kaufhausgebäude des früheren Zwickauer Schocken-Konzerns beheimatete Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz.

Die Leitausstellung im Zwickauer Audi-Bau wird auf die sechs Begleitausstellungen verweisen und ihnen damit eine größere Aufmerksamkeit als im Regelbetrieb zukommen lassen. Bis zum benachbarten August-Horch-Museum müssen die Besucher nur wenige Schritte zurücklegen. „Als Heimat der Hersteller Horch, Audi, DKW, Wanderer, Sachsenring, Volkswagen, BMW und Porsche war und ist Sachsen ein Autoland. Wichtige Impulse für die Entwicklung der Branche kamen und kommen aus sächsischen Unternehmen. Deshalb wird dieser Industriezweig zurecht mit einer zusätzlichen Schau im August-Horch-Museum während der Landesausstellung Industriekultur repräsentiert werden“, betonte Sachsens Kunstministerin.

Der Besucher werde im Horch-Museum einen Überblick über regionale Schwerpunkte und Verflechtungen mit anderen Branchen erhalten. Eva-Maria Stange: „Ich freue mich, dass in der Begleitausstellung nicht nur die historischen Zusammenhänge gezeigt werden, sondern ein Schwerpunkt auf die aktuelle Vielfalt der Branche gelegt wird. Denn in Sachsen werden nicht nur Fahrzeuge produziert. Die Forschung engagiert sich stark für deren Weiterentwicklung. An drei Universitäten, fünf Hochschulen, über 50 Forschungsinstituten wird nach neuen Ideen und Technologien für das Automobil der Zukunft gesucht. Diese Verknüpfung von Tradition und Moderne ist gelebte Industriekultur.“ OB Pia Findeiß ergänzt: „Zwickau ist nicht nur eine der klassischen Industriestädte Sachsens. Zwickau gehört zu den traditionsreichsten Automobilstädten Deutschlands. Seit 1904 und bis heute wurden und werden hier Fahrzeuge und Fahrzeugteile entwickelt und produziert. Das von der Stadt und der Audi AG gemeinsam getragene August-Horch-Museum repräsentiert auf eindrucksvolle Weise bereits die regionale Tradition des Automobilbaus. Es bietet damit – in unmittelbarer Nachbarschaft zur Leitausstellung – einen attraktiven Rahmen, um 2020 in einer Sonderausstellung eine der wichtigsten Branchen Sachsens in ihren unterschiedlichen Facetten darzustellen und zu würdigen.“

Im Freistaat Sachsen gab es bisher drei Landesausstellungen. Die erste behandelte 1998 mit dem Titel „Zeit und Ewigkeit – 128 Tage“ im Kloster St. Marienstern in Panschwitz-Kuckau die Themen Mittelalter, Klöster, Kirchenmusik, sakrale Kunst, Tradition und ländliches Leben. Die zweite fand 2004 mit dem Titel „Glaube und Macht – Sachsen im Europa der Reformationszeit“ in Torgau statt. Der Titel der dritten Landesausstellung 2011 im Kaisertrutz in Görlitz lautete „via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung“.

Grafik oben:
Audi-Bau an der Audistraße (Bildrechte: Rendering, AFF Architekten, Berlin)

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