Weil die Wirtschaft brummt: Zwickauer Arbeitsagentur verkleinert sich und zieht um

Rund acht Jahre nach dem durchaus umstrittenen Abriss des früheren Gardinen- und Dekowerkes sind auf dem „Gardeko“-Gelände wieder die Baumaschinen angerückt. Im Areal zwischen Werdauer Straße, Carolastraße und Lutherstraße entsteht derzeit ein neues Bürogebäude, welches die Zwickauer Arbeitsagentur anmieten wird. Voraussichtlich ab November 2019 sollen hier 200 Mitarbeiter die Kunden empfangen und beraten. Der viergeschossige, U-förmige Zweckbau an der neuen Adresse Werdauer Straße 18 bietet 6.900 Quadratmeter Fläche – 4.600 weniger als in den bislang genutzten Liegenschaften Pölbitzer Straße 9 und 9a.

Warum erfolgt der Umzug vom Stadtteil Pölbitz an den westlichen Rand des Stadtzentrums? Die Agentur für Arbeit verweist darauf, dass die Arbeitslosigkeit im Landkreis Zwickau sich in den vergangenen zehn Jahren halbiert habe (November 2018: 4,3 Prozent). „Die stabile Konjunktur hat den Arbeitsmarkt sukzessive entlastet und das Kundenaufkommen in unserem Hause reduziert“, sagt Arbeitsagentur-Chef Andreas Fleischer. Da auch die Online-Serviceangebote den persönlichen Gang in die Agentur oftmals unnötig machten, müsse die Größe der genutzten Immobilien dem reduzierten Kundenbestand angepasst werden. „Wir fühlen uns einer wirtschaftlichen Verwendung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung verpflichtet“, so Fleischer. Außerdem würden in der Werdauer Straße 18 alle Teams unter einem Dach arbeiten können.

Eigentümer der Immobilie ist nach Angaben der Arbeitsagentur die Berliner Investorengruppe Zwickau Bau GmbH & Co. KG. Sie habe den Zuschlag des Ausschreibungsverfahrens gewonnen, das europaweit initiiert worden sei. Die Zwickau Bau GmbH & Co. KG finanziere den Neubau – die Investition werde über die Mietzahlungen refinanziert.

Der neue Standort ist gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Straßenbahnen und Busse halten in unmittelbarer Nähe an den wichtigen Haltestellen „Georgenplatz“ und „Zentralhaltestelle“. Für die Autofahrer soll es Parkplätze im Innenhof geben. Im Umkreis von 500 Metern, betont die Agentur, seien weitere öffentliche Parkmöglichkeiten vorhanden (z. B. Platz der Völkerfreundschaft).

Allerdings werden die Wege für die Klienten, welche von Arbeitsagentur und vom Jobcenter gleichzeitig betreut werden, ab November 2019 länger. Das Jobcenter behält nämlich seinen Standort an der Horchstraße 19 in Zwickau-Pölbitz. „Im Sinne der Kunden werden wir die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter auch am neuen Standort gut organisieren“, sagt Arbeitsagentur-Chef Andreas Fleischer. „Wir sind bemüht, durch gut abgestimmte Zusammenarbeit die bisherige räumliche Nähe auch über die Entfernung aufrecht zu erhalten.“

Die Entscheidungen zum Standort des 2015 neu gebauten Jobcenters als auch der Agentur seien im Rahmen von öffentlichen Ausschreibungswettbewerben getroffen worden. Da die Bundesagentur für Arbeit in Zwickau über keine eigenen Grundstücke verfüge, sei man immer auf die Ergebnisse von Ausschreibungsverfahren angewiesen, erklärt Andreas Fleischer.

Um den Abriss der „Gardeko“-Ruine war im Herbst 2011 eine öffentliche Diskussion entbrannt. Der stadtbekannte Bauunternehmer Kurt Fliegerbauer behauptete auf Facebook: „Die denkmalgeschützte Gardeko-Fabrik an der Werdauer Straße wurde ohne Genehmigung des Denkmalschutzes in einer Nacht- und Nebel-Aktion abgerissen.“ Die Stadtverwaltung verwies dagegen auf „eine akute Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung“. Auch ein dem Amt für Bauordnung und Denkmalschutz vorliegendes Gutachten habe bestätigt, dass Sicherungsmaßnahmen nicht mehr ausgereicht hätten.

Nach dem Abriss wurde das Gelände als Parkplatz genutzt. Zwischenzeitlich kam der Bau eines Pflegeheims ins Gespräch. Der nun erfolgte Spatenstich für das Gebäude der Arbeitsagentur könnte auch einen städtebaulichen Schub für das Umfeld bewirken:

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht seit dem Ende der 1990er-Jahre das ehemalige Königliche Krankenstift leer. Das im Karree Werdauer Straße – Humboldtstraße – Stiftstraße – Spiegelstraße gelegene Klinker-Ensemble ist einer der größten Schandflecke im Stadtzentrum. Der Gesamtanlage kommt eine große geschichtliche sowie städtebauliche Bedeutung zu. Bis zur Eröffnung des neuen Krankenhauskomplexes in Zwickau-Marienthal in den 1920er- bis 1930er-Jahren wurde das Objekt ausschließlich als Krankenhaus genutzt. Danach fungierte es bis in die 1940er-Jahre als Warenhaus-Zentrale für den Zwickauer Schocken-Konzern und später als Büro- und Lagergebäude.

Wohnungsleerstand, verwaiste Geschäfte, Ruinen, Baulücken infolge von Gebäudeabrissen: Der untere Bereich der Werdauer Straße ist ein exemplarisches Beispiel für den demografischen Wandel in Ostdeutschland. Dass Zwickau in den vergangenen 30 Jahren rund 30.000 Einwohner und damit ein Viertel seiner Bevölkerung verloren hat, zeigt sich hier in verdichteter Form.

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