Landesausstellung 2020: Zwickau wird zur „Boom“-Stadt Sachsens

Zwickau ist der zentrale Schauplatz der 4. Sächsischen Landesausstellung („SLA2020“), die der Freistaat Sachsen vom 25. April bis 1. November 2020 zum Thema Industriekultur ausrichtet. Die Hauptausstellung im Zwickauer „Audi-Bau“ wird von sechs Begleitausstellungen in Südwestsachsen flankiert. Im Januar 2019 wurden der Titel des kulturellen Großereignisses und erste konkrete Details zu den Ausstellungsinhalten bekanntgegeben.

Die 4. Landesausstellung steht unter dem Motto „Boom! 500 Jahre Industriekultur in Sachsen“. Mit dem plakativen Begriff „Boom!“ werde die Dynamik und der zyklische Verlauf der industriellen Entwicklung Sachsens bestens umrissen, teilten die Veranstalter mit. Dass dieser Prozess in Sachsen bereits mit dem Bergbau der Renaissance eingesetzt habe – also vor rund 500 Jahren – unterscheide diesen international vernetzten Kulturraum von anderen industriell geprägten Regionen Europas. Innovationsgeist und -wille hätten sich im Freistaat als Generaltugenden entwickelt: Die Fischilanz , die gespannte Aufmerksamkeit, die geistige Beweglichkeit und Umtriebigkeit gehörten gewissermaßen zum ,Spirit‘ der Sachsen.

Kurator Thomas Spring erklärt: „Unsere Ausstellung heißt nicht umsonst ,Boom‘. Denn in einem solchen Auf-und-ab und Immer-wieder-neu kann man das Wesen der sächsischen Industriegeschichte und des hier typischen Innovationsklimas erkennen. Immer wenn das tiefe Tal eines wirtschaftlichen Zyklus‘ erreicht schien, fand man hier wegweisende Antworten und tragfähige Zukunftsperspektiven – und so ist das bis heute geblieben.“

Klaus Vogel, der Direktor des mit der Durchführung der SLA2020 betrauten renommierten Deutschen Hygiene-Museums (Dresden), ergänzt: „Industriekultur ist kein Steckenpferd von Spezialisten, sondern eine lebendige Erfahrung für die Menschen in Sachsen. Das Publikum der Landesausstellung wird Industriekultur als Motor unserer Geschichte miterleben, als prägenden Faktor unserer Landschaften, Städte und Biografien bis heute.“

Die Zentralausstellung in Zwickau wird auf 2.500 Quadratmetern Fläche diese 500 Jahre Industrie-, Arbeits- und Gewerbekultur in Sachsen abbilden. 500 wertvolle historische Objekte (u. a. Annaberger Bergaltar, Dampfmaschine in der Nussschale, Knappschaftsbüchse, barocke Lostrommel), hochkarätige Kunstwerke (Edvard Munch, Walter Mattheuer), Zeichnungen, Foto-, Film- und Medieninstallationen sollen diese Tradition auf zwei Etagen lebendig werden lassen. „Spektakuläre Exponate treffen auf allseits Bekanntes, das in neuen Kombinationen zu etwas ,So-Noch-Nie-Gesehenen‘ wird“, so die Veranstalter.

Die Zentralschau im Zwickauer Audi-Bau gliedert sich in sechs Kapitel:

Barock & Berggeschrey
Beschreibung der Veranstalter:
Dieses Kapitel reicht von ca. 1470 bis 1813 und behandelt den Bergbau, die Erfindung des Porzellans und das damals schon international profundeste Wissen von Berg und Wald, das in Sachsen erarbeitet wurde.
Hier werden mit dem Ausgangspunkt Zwickau und dem Silberbergbau der Renaissance die Grundlagen für eine über 500-jährige Entwicklung gelegt. Als Zeit des „Zweiten Berggeschreys“ ist es eine Boom-Phase par excellence. Kapital, Wissen und Arbeit gehen eine neue und vorausweisende Verbindung ein. Kulturell geht es in dieser Zeit um ein neues Bild vom Menschen und um die ihn leitenden Werte.

Garn & Globalisierung
Beschreibung:
Das zweite Kapitel reicht von der Zeit des verlorenen Siebenjährigen Krieges um 1763 bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges und beschreibt die Geburt der Textilindustrie aus dem Geist des Innovationsklimas des sogenannten „Rétablissements“.
Der Siebenjährige Krieg war für Sachsen ein verheerendes Ereignis. Und doch werden in dieser Zeit extremster Zerstörungen und tiefster Depressionsphase die Grundlagen für die frühe Industrialisierung und ihre Prosperität gelegt – für den künftigen Boom Sachsens.

Karl Marx & Karl May
Beschreibung:
Das dritte Kapitel reicht von ca. 1830 bis zum Ersten Weltkrieg und dreht sich um den Zusammenhang von Fortschritt und Konflikt, dem alle wichtigen Akteure dieser Zeit der Hochindustrialisierung verpflichtet sind. Die titelgebenden Protagonisten Karl Marx und Karl May sind Extrempole einer unternehmerischen und geistig-kulturellen Landschaft, die im Zentrum dieses Kapitels steht.

Schockensöhne Zwickau & Sachsenstolz
Beschreibung:
Das vierte Kapitel reicht vom Vorabend des Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Das moderne Sachsen ist eine Zeit beispielloser und industriell geformter Gewalt, aber auch eine Zeit der Massen und des Massenkonsums. Dafür stehen in der Ausstellung als Leitbilder der aus Zwickau stammende Warenhauskonzern Schocken und die Lokomotive „Sachsenstolz“, der Höhepunkt des sächsischen Lokomotivbaus.

Trabi & Treuhand
Beschreibung:
Die Zeit der DDR erhält ein eigenes Kapitel in der Zentralausstellung. Nicht nur, weil diese Epoche den gescheiterten Versuch eines radikalen Bruchs mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem darstellt und in ihr Karl Marx quasi als russischer Wiedergänger über die Sachsen kommt, sondern weil die Menschen in der DDR die Erfahrung dieses radikalen Bruchs der Wirtschaftssysteme gleich zweimal erlebt haben. Im thematischen Zentrum des Kapitels stehen Leben und Arbeiten in der DDR während und nach der Wende.

Industriekultur 5.0
Beschreibung:
Das letzte Kapitel handelt nicht mehr von der Geschichte, sondern von der Gegenwart – und von den Zukunftsentwürfen und Visionen, die für diese Gegenwart wichtig sind. Wissenschaftliche, technologische und ökonomische Innovationen sind die Garanten nachhaltiger Arbeitsplätze, gerade in schwierigen Zeiten der Globalisierung und des demographischen Wandels.

Der verklinkerte Audi-Bau steht auf einem traditionellen Industriegelände im Stadtteil Pölbitz. An diesem authentischen Ort hat August Horch 1909 den heutigen Weltkonzern Audi gegründet. Mit seinem wegweisenden Wirken legte er den Grundstein für die Automobilindustrie in Sachsen (95.000 Beschäftigte), die am Volkswagen-Standort Zwickau gegenwärtig von einem einzigartigen Transformationsprozess hin zur Elektromobilität geprägt ist. In direkter Nachbarschaft zum Audi-Bau befindet sich das August-Horch-Museum, das eine der sechs Begleitausstellungen ausrichten wird. Diese sogenannte „Schauplatzausstellung“ trägt den Namen „AutoBoom.“ und wird von den Veranstaltern wie folgt beschrieben:

„Zukunftsmobilität“ ist nicht nur seit jeher von zentraler Bedeutung im Autoland Sachsen, sondern auch der Arbeitstitel des Schauplatzes „Automobil“ der SLA2020. Die Gestalter im August-Horch-Museum werden der Frage nachgehen, warum der Mensch seit jeher nach Mobilität strebte und welche Auswirkung die Erfindung des Automobils auf unsere Mobilität hatte und bis heute hat. Das August-Horch-Museum greift in der Landesausstellung zunächst Utopien und Dystopien der Mobilität auf, rückt den mobilen Menschen und seine Technik mit deren Veränderungen, Krisen und Möglichkeiten in den Fokus. Neben der zurückschauenden Darstellung soll natürlich auch der Blick in die Zukunft der automobilen Mobilität geworfen werden. Die im Moment stattfindenden Veränderungen im Automobilsektor werden unsere zukünftige Mobilität stark verändern. Neben diesen Änderungen werden auch in der Fahrzeugproduktion Eingriffe in den nächsten Jahren stattfinden. Die Schlagwörter „Industrie 4.0“ und „smart factory“ bilden dafür heute die Oberbegriffe. Werden bald die in Sachsen produzierten Fahrzeuge in menschenleeren Hallen gefertigt und eine Vielzahl qualifizierter Mitarbeiter arbeitslos oder bietet die fortschreitende Technisierung neue Möglichkeiten einer ergonomischen Produktion und eine Entwicklung hin zu einer Vollbeschäftigung?

Die fünf weiteren Schauplatzausstellungen beschäftigen sich mit den Aspekten Maschinenbau, Eisenbahn, Kohleförderung, Textilindustrie und Silberbergbau:

In die Vorbereitung der Sächsischen Landesausstellung sind neben dem Hygiene-Museum weitere Agenturen und Büros aus Deutschland und der Schweiz eingebunden:

  • Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden ist mit der Ausrichtung der Zentralausstellung in Zwickau und der Koordination des Gesamtprojekts betraut worden. Seither wird die Ausstellungskonzeption durch den Kurator Thomas Spring und sein Team weiterentwickelt und mit einem Fachbeirat diskutiert und abgestimmt.
  • Nach einem Wettbewerb wurde die Arbeitsgemeinschaft aus AFF Gesellschaft von Architekten (Berlin) und Georgi Architektur und Stadtplanung (Chemnitz) mit der notwendigen Herrichtung des Audi-Baus beauftragt. Das denkmalgeschützte Industriebauwerk wird für die Zeit der Landesausstellung angemietet und auf für die Bedarfe der Industriekulturschau umgebaut und saniert. Die Eingriffe sollen „auf das absolute Minimum“ beschränkt werden, damit der vorhandene Industriecharakter erhalten bleibt. Das Gebäude erhält ein zweigeschossiges Empfangsgebäude, das in Containerbauweise errichtet und nach dem Ende der SLA2020 demontiert wird. „Durch seine Leichtigkeit und Transparenz steht es in einem spannungsreichen Kontrast zum massiven Mauerwerksbau des Bestandsgebäudes“, so die Organisatoren.
  • Holzer Kobler Architekturen (Zürich/Berlin) haben nach einem Wettbewerb die Gestaltung und Szenografie der Zentralausstellung übernommen.
  • Den Wettbewerb zum Corporate Design konnte die Berliner Agentur polyform für sich entscheiden. Von ihr stammen die Gestaltungsentwürfe für das Erscheinungsbild und der Titel der Landesausstellung.

Pia Findeiß, die Oberbürgermeisterin Zwickaus, wertet die Landesausstellung als „Glücksfall“ und verspricht, Zwickau werde „eine gute Gastgeberstadt“ sein. Die Stadtverwaltung Zwickau hat angekündigt, bis zur SLA2020 zwei Straßen im direkten Umfeld des Ausstellungsgeländes zu sanieren. Auf der Horchstraße (zwischen Crimmitschauer Straße und Trabantstraße) laufen die Arbeiten bereits, die Audistraße (zwischen Kurt-Eisner-Straße und Trabantstraße) soll folgen. Darüber hinaus will die Stadt einen „Weg zur Industriekultur“ ausschildern. Er soll die Innenstadt mit dem Horch-Museum und dem Audi-Bau verbinden und zugleich auf bauliche Zeitzeugen der Industriekultur hinweisen.

Der Freistaat Sachsen fördert die Durchführung der Leitausstellung und die Koordination mit den Zusatzausstellungen mit bis zu 5,8 Millionen Euro. Die 4. Sächsische Landesausstellung sollte eigentlich schon 2018 im Zwickauer Horch-Hochbau (Crimmitschauer Straße) stattfinden. Dafür hatte die Staatsregierung im Januar 2014 den Auftrag erteilt. Die Stadt stellte jedoch im Mai 2014 fest, dass die Sanierung des Gebäudes im kalkulierten Zeit- und Finanzrahmen nicht möglich ist. Zudem konnte mit dem Eigentümer keine sinnvolle kommunale Nachnutzung vereinbart werden, was Finanzierungsvoraussetzung war. Daraufhin hat Zwickau im Dezember 2014 ersatzweise die Durchführung der Landesausstellung in einem Stadtarchiv-Neubau im Jahr 2019 angeboten. „Dieses Angebot konnte die hohen qualitativen Anforderungen an Authentizität eines Ausstellungsgebäudes nicht erfüllen. Zudem hätte es 2019 eine zeitliche Konkurrenz zur Landesgartenschau in Frankenberg gegeben“, teilte das zuständige Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) mit.

Der Freistaat Sachsen hielt am Standort Zwickau fest und erklärte im September 2016 den Audi-Bau zum neuen endgültigen Austragungsort der Leitausstellung. Zwickau, so das SMWK, sei eine Stadt mit einer langen und reichhaltigen Industrietradition: „Die Stadt erlebte im 15. Jahrhundert ihre erste Blüte durch die Förderung reichhaltiger Steinkohle- und Silberfunde. Zeitgleich entwickelte sich die Tuchmacherzunft. Einen weiteren Aufschwung erfuhr Zwickau durch die industrielle Förderung der Steinkohle. Später trugen Unternehmen des Maschinenbaus und vor allem des Automobilbaus zum Wohlstand der westsächsischen Stadt bei.“

Bisher gab es drei Sächsische Landesausstellungen. Die erste behandelte 1998 mit dem Titel „Zeit und Ewigkeit – 128 Tage“ im Kloster St. Marienstern in Panschwitz-Kuckau die Themen Mittelalter, Klöster, Kirchenmusik, sakrale Kunst, Tradition und ländliches Leben. Die zweite fand 2004 mit dem Titel „Glaube und Macht – Sachsen im Europa der Reformationszeit“ in Torgau statt. Der Titel der dritten Landesausstellung 2011 im Kaisertrutz in Görlitz lautete „via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung“.

www.boom-sachsen.de

 

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