Zwickau und das Bauhaus

Anlässlich des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums würdigen die Kunstsammlungen Zwickau – Max-Pechstein-Museum in einer Ausstellung mit Fotografien und Dokumenten das Wirken zweier Persönlichkeiten, deren Schaffen mit dem Bauhaus verbunden ist: Hildebrand Gurlitt und Albert Hennig. Die Sonderausstellung „Hildebrand Gurlitt, Albert Hennig und das Bauhaus“ ist bis zum 10. März zu sehen. Der Museumsbesuch lässt sich mit Abstechern zu Zwickauer Bauwerken im Bauhaus-Stil verbinden.

Das Bauhaus revolutionierte die freien und angewandten Künste, die Architektur, die Gestaltung und die Pädagogik wie keine andere Ausbildungsstätte im 20. Jahrhundert. Als „Staatliches Bauhaus“ 1919 in Weimar gegründet, als „Hochschule für Gestaltung“ in Dessau und bis zur erzwungenen Auflösung 1933 als private Lehranstalt in Berlin wirkte das Bauhaus als innovative Experimentierstätte wie wirkungsmächtige Ideenschmiede. In nur 14 Jahren beeinflusste das Bauhaus Künstler, Architekten, Gestalter und Kulturvermittler für Generationen.

Ausstellungsplakat: Hildebrand Gurlitt, Albert Hennig und das Bauhaus. (Bildrechte: Stadt Zwickau)

Ausstellungsbeschreibung: Hildebrand Gurlitt

Hildebrand Gurlitt (1895-1956), erster Direktor des Zwickauer Museums, nahm bereits 1925, kurz nach seinem Amtsantritt, Kontakt zum Bauhaus in Dessau auf. Mit Begeisterung für die neue Ästhetik organisierte er hier nicht nur Ausstellungen und Vorträge, sondern beauftragte 1926 das Bauhaus mit einer Farbgestaltung des neu zu strukturierenden Museums. Auch in der Gestaltung der Werbegrafik orientierte sich der junge Museumsdirektor am Bauhaus. So sorgte das im September 1925 erschienene Veranstaltungsprogramm aufgrund seiner Typografie in der lokalen Presse für Aufmerksamkeit: „Senkrecht gestellte Schriftzeilen wirken als Blickfang. Daran angefügte Hauptzeilen erwirken eine sachliche Raumaufteilung und sind Signalarmen vergleichbar. Ein scheinbarer Wirrwarr klärt sich als sichere Lösung für gute Übersichtlichkeit auf. Stark betonte Punkte vermitteln die Beziehungen der Satzgruppen zueinander. Entwurf und Ausführung hat die Firma Förster u. Borries in seinem Verständnis gelöst. Museumsdirektor Dr. Gurlitt hat diese vom Bauhaus Dessau ausgehende Satzbaukunst – Schriftsatzkonstruktion – für die Ankündigung seines Winterprogramms der Museumsarbeit gewählt.“

In der Ausstellung wird die Kooperation Gurlitts mit dem Bauhaus anhand von Ausstellungsfotos, Dokumenten und Schriftstücken, u. a. mit Moholy-Nagy, den Bauhaus-Meistern Klee, Kandinsky oder Feininger anschaulich gemacht. Eine wegweisende Ausstellung zur „Neuen Reklame“, die Gurlitt 1927 organisiert hat und bei der das Bauhaus maßgeblich beteiligt war, kann anhand von Fotografien aus dem Museumsarchiv erstmals vorgestellt werden.

Auf Zwickauer Spuren: Familiengrab der Gurlitts auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof, 2016. (Bildrechte: zwickautopia.de)

Bis zu seiner Entlassung im Frühjahr 1930 bemühte sich Hildebrand Gurlitt um den Aufbau einer Sammlung mit Werken der Moderne. Aufgrund des schmalen Budgets beschränkten sich die Erwerbungen vorwiegend auf Papierarbeiten oder Reproduktionen aus dem Piper-Verlag. Die Sammlung ergänzte er jedoch mit Leihgaben von Künstlern, aus Galerien, Museen oder von Privatsammlern. Er beabsichtigte im Museum „einen Überblick über alles Wichtige, was es zur Zeit an lebender Kunst in Deutschland gibt, in Leihgaben zu zeigen.“ Neben den Künstlern des Expressionismus zeigte er ebenso „die Führer der abstrakten Kunst, Kandinsky, Feininger, Klee, Muche, Moholy“.

Die Erwerbungen Gurlitts, die mit dem Bauhaus verknüpft sind, fielen 1937 auch in Zwickau der nationalsozialistischen Beschlagnahmungsaktion zum Opfer. Nur drei Holzschnitte des Bauhaus-Meisters Lyonel Feininger sowie die vierte Mappe der Bauhaus-Drucke italienischer und russischer Künstler sind mit dem von Feininger entworfenen Titelblatt und einigen Grafiken als künstlerische Zeugnisse erhalten und in der Ausstellung zu sehen.

Ausstellungsbeschreibung: Albert Hennig

Albert Hennig (1907-1998) wurde 1907 in Leipzig geboren. Ende der 1920er-Jahre begann er, in Leipziger Arbeitervierteln zu fotografieren: auf dem Gelände der Großmarkthalle, in der Armenspeisegaststätte „Suppenschmiede“, vor dem Arbeitsamt in der Gerberstraße und bei politischen Veranstaltungen oder bei Arbeiten im öffentlichen Raum. Mit der Serie „Kinder der Straße“ bewarb sich Hennig 1932 am Bauhaus in Dessau, mit der Absicht, „Reklamemann“ zu werden.

Kunstsammlungen Zwickau – Max-Pechstein-Zwickau. (Bildrechte: zwickautopia.de)

Seit Ende der 1970er-Jahre werden Hennigs Fotografien als Zeugnisse dieser Kunstepoche gewürdigt. Weithin bekannt waren 45 Motive, die der Künstler als sein fotografisches Werk betrachtet wissen wollte und in unterschiedlichen Mappenwerken zusammengestellt hatte. Im 2008 von den Kunstsammlungen übernommenen Nachlass des Künstlers haben sich jedoch rund 420 Fotografien – als Abzüge, Glasplattennegative oder Rollfilme – erhalten, die mit Fördermitteln der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen erworben werden konnten. 2015 wurden sie in einem größeren Forschungs- und Ausstellungsprojekt zur Arbeiterfotografie ausgewertet und dokumentiert (in Kooperation mit dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. Dresden, der Deutschen Fotothek Dresden und den Zwickauer Kunstsammlungen).

Einige Fotografien Albert Hennigs ließen sich seiner Zeit als Student am Bauhaus in Dessau und dann in Berlin 1932/33 zuordnen. Hierzu gehören die Ansichten der Gebäude, wie die Glasfassade des Werkstattflügels oder Balkone des Prellerhauses. Studien von Textilien, die Arrangements von Zitronen, Puppenköpfen oder Zusammenstellungen verschiedener Gegenstände sind Übungsaufgaben aus dem Kurs des Fotografielehrers Walter Peterhans.

Neben Dokumenten aus Hennigs Bauhaus-Zeit, wie Vorlesungsmitschriften, Briefen oder dem Bauhaus-Zeugnis, sind weitere, über 30 noch nie gezeigte Vergrößerungen zu sehen, die von den in der Zwickauer Sammlung befindlichen Negativen aus den Jahren 1928 bis 1933 angefertigt wurden.

Pestalozzischule, Wohnblocks Erlmühlenstraße, Kaufhaus Schocken

Ein eindrucksvolles Bauhaus-Zeugnis ist die Pestalozzischule (Seminarstraße 3). Sie wurde 1927/28 von Stadtbaurat Martin Moritz Ebersbach als erstes sächsisches Schulgebäude im Bauhausstil errichtet und im Oktober 1929 ihrer Bestimmung übergeben. Ihre sachlich-elegante Architektur mit Klinkerfassade wirkt zeitlos modern.

Die Wohnblocks Erlmühlenstraße 1-7 werden teilweise als Jugendwohnheim für Auszubildende genutzt. Sie entstanden 1932 innerhalb eines Notprogramms des Arbeits- und Wohlfahrtsministeriums zur Sicherung des Grundbedarfs an billigen Kleinstwohnungen.

Die moderne, dem Dom zugewandte Werksteinfassade des ehemaligen Kaufhauses Schocken ist stilistisch dem Neuen Bauen zuzuordnen (Marienplatz 6-8). Sie wurde von Bernhard Sturtzkopf, Architekt bei Bauhaus-Gründer Walter Gropius, entworfen.

Anreise mit dem Nahverkehr

Kunstsammlungen Zwickau – Max-Pechstein-Museum:
Tram 4/7 (Lessingstraße), Bus 10 (Max-Pechstein-Museum)
Pestalozzischule:
Tram 4/7 (Kurt-Eisner-Straße), Bus 10 (Käthe-Kollwitz-Gymnasium)
Wohnblocks Erlmühlenstraße:
Tram 3 (Talstraße)
Kaufhaus Schocken:
Tram 3 (Hauptmarkt)

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