Gedenkstätten für NSU-Opfer: Die Spur des Schreckens quer durch Deutschland

Ermittlungspannen, vernichtete Akten, eine dubiose Rolle des Verfassungsschutzes und ein für die Angehörigen quälend langer Prozess: Die Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) zählt zu den größten Justizskandalen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zehn Menschen starben zwischen 2000 und 2007: türkischstämmige Unternehmer, ein Händler mit griechischen Wurzeln und eine Polizistin. Dazu brachten in Köln zwei Bombenattentate Leid über zahlreiche Familien.

Nach der Explosion des Wohnhauses in der Zwickauer Frühlingsstraße 26, wo die aus Jena stammenden Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe zuletzt lebten, kam Licht ins Dunkel der Ermittlungen, die sich jahrelang auf die Drogenszene und die Familien der Opfer konzentriert hatten. Das „Fanal von Zwickau“ (Der Spiegel) erschütterte zunächst die Stadt. Schnell hielt das gewaltige Ausmaß der Erkenntnisse rund um die so genannte „Zwickauer Zelle“ das ganze Land in Atem. Am 4. November 2011 jährt sich die Explosion im Stadtteil Weißenborn, welche die NSU-Lawine ins Rollen brachte, zum fünften Mal.

Im April 2012 verständigten sich die Städte, wo die NSU-Morde geschahen, auf eine gemeinsame Erklärung:

Neonazistische Verbrecher haben zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen in sieben deutschen Städten ermordet: Neun Mitbürger, die mit ihren Familien in Deutschland eine neue Heimat fanden, und eine Polizistin. Wir sind bestürzt und beschämt, dass diese terroristischen Gewalttaten über Jahre nicht als das erkannt wurden, was sie waren: Morde aus Menschenverachtung. Wir sagen: Nie wieder! Wir trauern um

Enver Şimşek, 11. September 2000, Nürnberg
Abdurrahim Özüdoğru, 13. Juni 2001, Nürnberg
Süleyman Taşköprü, 27. Juni 2001, Hamburg
Habil Kılıç, 29. August 2001, München
Mehmet Turgut, 25. Februar 2004, Rostock
İsmail Yaşar, 9. Juni 2005, Nürnberg
Theodoros Boulgarides, 15. Juni 2005, München
Mehmet Kubaşık, 4. April 2006, Dortmund
Halit Yozgat, 6. April 2006, Kassel
Michèle Kiesewetter, 25. April 2007, Heilbronn

Dieser Text findet sich in gleicher oder abgewandelter Form auf Mahnmalen wider, die zu Ehren der NSU-Opfer errichtet worden sind. ZWICKAUTOPIA stellt diese Gedenkorte vor – eine Reise von Nord nach Süd.

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„Arsch der Welt“ trifft auf „Tor zur Welt“: So viel Zwickau steckt in Hamburg

Erstmals seit der Saison 1998/99 hat sich der FSV Zwickau für den DFB-Pokal qualifiziert. In der ersten Runde (19. bis 22. August) empfängt der Drittliga-Aufsteiger gleich einen Erstligisten – das Bundesliga-Gründungsmitglied Hamburger SV. ZWICKAUTOPIA hat diesen Fußball-Knüller zum Anlass angenommen, mit dem Eurocity „Robert Schumann“ nach Hamburg zu fahren und sich in der zweitgrößten Stadt Deutschlands zwischen Altona und Alster auf Zwickauer Spuren zu begeben.

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Als Shopping noch „zum Schocken“ hieß

1907 gründeten Salman (1877-1959) und Simon Schocken (1874-1929) im Gebäude Hauptmarkt 26 („Goldener Anker“) die Firma „I. Schocken Söhne Zwickau“ (I.S.S.). Das I im Namen war eine Geste, mit der die Brüder ihren Vater Immanuel ehrten. Das jüdische Unternehmen galt vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit rund 6.000 Mitarbeitern als größte Warenhauskette Sachsens und eine der fünf größten in Deutschland. Schocken setzte im Handel neue Maßstäbe und schuf das, was man heute „Corporate Identity“ nennt: Die Marke – erkennbar am kantigen S – stand für Kundenservice, Qualitätskontrolle, erschwingliche und stabile Preise, gut ausgebildete Verkäufer, professionelle Werbung und strenge Zentralisierung.

Die Zwickauer Zentrale organisierte Einkauf, Verkauf, Reklame und Personalleitung. Ein eigenes Baubüro plante Neubauten. „Zum Schocken“ ging man in sächsischen Städten, Nürnberg, Stuttgart, Augsburg, Regensburg, Pforzheim, Bremerhaven, Cottbus, Zerbst und Waldenburg in Schlesien. Die Nazis boykottierten die Filialen und diffamierten sie als „Ramschbuden“. Die Schocken AG wurde arisiert und in Merkur AG umbenannt. 1953 verkaufte Salman Schocken den zurückerlangten Besitz an „Merkur, Horten & Co.“ mit Sitz in Nürnberg. In Sachsen wurden die Merkur-Filialen enteignet und dem Verband Sächsischer Konsumgenossenschaften angeschlossen. 2014 entschied das Berliner Verwaltungsgericht, dass die Bundesrepublik Deutschland die Erben mit etwa 50 Millionen Euro inklusive Zinsen entschädigen muss. Schon in den 1990er Jahren waren etwa 30 Millionen DM an Entschädigung bei der Privatisierung des Kaufhauses in Chemnitz gezahlt worden.

In der Bevölkerung von Nürnberg, Stuttgart, Chemnitz und Zwickau lebt der Name Schocken bis heute fort. ZWICKAUTOPIA hat sich vor Ort umgeschaut, was aus den Kaufhäusern geworden ist.

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NSU-Berichterstattung: Wortewandel bei Tagesschau, Tagesthemen & Co.

Der 4. November 2011 war eine Zäsur in Zwickaus Stadt- und Deutschlands Nachkriegsgeschichte. Die Explosion eines Mehrfamilienhauses erschütterte zunächst den Stadtteil Weißenborn, wenig später hielt das „Fanal von Zwickau“ (Der Spiegel) das ganze Land in Atem. Wie sich herausstellte, versteckte sich in dem Gebäude das Neonazi-Terrortrio „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU), das jahrelang mordend durch Deutschland gezogen ist. Obwohl die Mitglieder aus dem thüringischen Jena stammen und dort sozialisiert worden sind, wurde das westsächsische Zwickau auf die mediale und politische Bühne katapultiert. Weil das Trio zuletzt hier im Untergrund lebte (zuvor in Chemnitz), setzte sich der Begriff „Zwickauer Terrorzelle“ in den Medien fest. „NSU-Berichterstattung: Wortewandel bei Tagesschau, Tagesthemen & Co.“ weiterlesen