Die heimliche Bezirkshauptstadt: So viel Zwickau steckt in Chemnitz

Dank wachsender Dynamik, steigender Bevölkerungszahl und wachgeküsster Innenstadt macht das lange als trist und überaltert verrufene Chemnitz wieder mit positiven Nachrichten von sich reden. Doch was wäre die „Stadt der Moderne“ (246.000 Einwohner) ohne ihre nächstgrößte Nachbarin, die Automobil- und Robert-Schumann-Stadt Zwickau (91.000 Einwohner)? ZWICKAUTOPIA blickt in Vergangenheit und Gegenwart und zeigt: Zwickau ist das Z in Chemnitz!

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Als Shopping noch „zum Schocken“ hieß

1907 gründeten Salman (1877-1959) und Simon Schocken (1874-1929) im Gebäude Hauptmarkt 26 („Goldener Anker“) die Firma „I. Schocken Söhne Zwickau“ (I.S.S.). Das I im Namen war eine Geste, mit der die Brüder ihren Vater Immanuel ehrten. Das jüdische Unternehmen galt vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit rund 6.000 Mitarbeitern als größte Warenhauskette Sachsens und eine der fünf größten in Deutschland. Schocken setzte im Handel neue Maßstäbe und schuf das, was man heute „Corporate Identity“ nennt: Die Marke – erkennbar am kantigen S – stand für Kundenservice, Qualitätskontrolle, erschwingliche und stabile Preise, gut ausgebildete Verkäufer, professionelle Werbung und strenge Zentralisierung.

Die Zwickauer Zentrale organisierte Einkauf, Verkauf, Reklame und Personalleitung. Ein eigenes Baubüro plante Neubauten. „Zum Schocken“ ging man in sächsischen Städten, Nürnberg, Stuttgart, Augsburg, Regensburg, Pforzheim, Bremerhaven, Cottbus, Zerbst und Waldenburg in Schlesien. Die Nazis boykottierten die Filialen und diffamierten sie als „Ramschbuden“. Die Schocken AG wurde arisiert und in Merkur AG umbenannt. 1953 verkaufte Salman Schocken den zurückerlangten Besitz an „Merkur, Horten & Co.“ mit Sitz in Nürnberg. In Sachsen wurden die Merkur-Filialen enteignet und dem Verband Sächsischer Konsumgenossenschaften angeschlossen. 2014 entschied das Berliner Verwaltungsgericht, dass die Bundesrepublik Deutschland die Erben mit etwa 50 Millionen Euro inklusive Zinsen entschädigen muss. Schon in den 1990er Jahren waren etwa 30 Millionen DM an Entschädigung bei der Privatisierung des Kaufhauses in Chemnitz gezahlt worden.

In der Bevölkerung von Nürnberg, Stuttgart, Chemnitz und Zwickau lebt der Name Schocken bis heute fort. ZWICKAUTOPIA hat sich vor Ort umgeschaut, was aus den Kaufhäusern geworden ist.

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Wöhrl gibt auf: Das Bild von der „1a-Einkaufsstadt“ bekommt einen weiteren Kratzer

Das Zertifikat „1a-Einkaufsstadt“, mit dem sich Zwickau gern schmückt, ist fragwürdiger denn je. Der Handel im Stadtzentrum muss nämlich schon wieder einen schweren Rückschlag verkraften. Das fränkische Modeunternehmen Wöhrl hat am 13. April seinen Rückzug aus der viertgrößten sächsischen Stadt angekündigt. Die 1996 eröffnete, 2.700 Quadratmeter große Filiale an der Inneren Schneeberger Straße 10 soll Ende März 2016 endgültig dichtmachen. „Die Schließung des Modehauses in Zwickau ist eine unternehmerische Entscheidung, mit der wir unseren eingeschlagenen Weg zu einem ertragsreichen und zukunftsfähigen Filialportfolio konsequent fortsetzen“, ließ Olivier Wöhrl, Vorstandsvorsitzender der Rudolf Wöhrl AG, verlautbaren. „Die finale Entscheidung ist uns dennoch nicht leicht gefallen. Wir blicken hier nicht nur auf eine jahrelange, gute Partnerschaft mit der Stadt zurück, sondern auch auf einen großen, treuen Kundenstamm“, so Wöhrl weiter. Er lobte die „tolle Arbeit“ der Belegschaft und schließe „eine Rückkehr in eine attraktive Innenstadtlage in der Zukunft nicht aus“.

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